Zum Inhalt springen

Nachlese Deutscher Kongress für Psychosomatische Medizin 2022

Erstellt von Franziska Geiser & Christian Albus | |   Nachrichten

Der Kongress hat getanzt, der Kongress ist vorbei. Als ehemalige Kongresspräsident*innen des Deutschen Kongress für Psychosomatische Medizin 2022 fühlen wir Erleichterung, Zufriedenheit und überraschenderweise eine gewisse Portion Wehmut. Wir fanden den Kongress sehr schön, spannend und bereichernd. Vieles war vertraut, ein Wiederfinden bekannter Orte, Leute und Abläufe. Und doch war es etwas anders als früher, nicht nur die neuen Themen, sondern vor allem das Gefühl tieferer Begegnungen und eine unterschwellige Freude in Allem.

Wir haben von vielen Teilnehmer*innen sehr positive Rückmeldungen erhalten. Das freut uns sehr, aber wir glauben nicht, dass wir und das diesjährige Kongressteam es ganz besonders gut gemacht haben. Wir haben es genauso gut gemacht wie die anderen Kongresspräsident*innen und –teams vor uns, aber dann kam ein Kairos dazu, der richtige Moment, in dem wir alle nach der langen Zeit des Abstandhaltens und Videokonferierens erlebt haben, dass jede leibhaftige Begegnung mehr strahlt und uns froher macht als das „social distancing“ zuvor.

Ein großer Dank geht an unser Organisations-Team, an jede*n Einzelne*n! Neu war, dass wir neben Mitarbeiter*innen aus den eigenen Kliniken auf Vorschlag der Fachgesellschaften weitere Unterstützung durch je eine Vertreterin der Niedergelassenen und des Jungen Forums erhalten haben. Die beiden Kolleginnen haben mit großem Teamgeist mitgemacht und waren eine enorme Bereicherung, sowohl fürs Team, wie für das Programm. Wir empfehlen, das beizubehalten. Und wir hatten noch mehr Unterstützung: Zum einen durch den DGPM- und DKPM-Vorstand, mit dem wir uns enorm konstruktiv austauschen konnten, zum anderen durch die Kongressorganisationsfirma KIT, die uns mit wahrhaft „elterlichen“ Qualitäten geduldig, präzise und zuverlässig durch alle Anforderungen der Kongressorganisation begleitet hat. Herzlichen Dank deshalb auch an diese beiden Institutionen.

Unser General-Thema „Integration und Kooperation“ hatte sich aus ersten Diskussionen im Organisations-Team ergeben, mit denen wir – unter der Perspektive Kongress 2021 - bereits im Herbst 2019 begonnen haben. Wir waren und sind als Psychosomatiker*innen davon überzeugt, dass Kooperation und Integration zu unseren Kernkompetenzen gehört. Entsprechend haben wir uns sehr gefreut, zur „Collaborative Care“, d.h. interprofessionelle und fachübergreifende Zusammenarbeit bei der Betreuung von somatisch Kranken, exzellente Redner*innen gewonnen zu haben. Als weitere Themen in dem Kontext hatten wir uns die Integration vernachlässigter Gruppen, Migration und Flucht, und Transition vom Jugend- zum Erwachsenenalter vorgenommen. Und, immer wieder eine riesige Herausforderung, die Diagnostik und Behandlung von Patient*innen mit funktionellen und somatoformen Störungen.

Zusätzlich wollten wir Raum für neue Entwicklungen in unserem Fach wie Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und neue Medien schaffen. Neben Hauptveranstaltungen schwebte uns eine „Spielwiese“ vor, auf der man „Psycho-Apps“ ausprobieren kann. Angesichts der großen Resonanz auf die Ausschreibung dieses Formats in der Industrie wurde uns aber schnell klar, dass es bei dem Thema längst nicht mehr ums „Spielen“ geht: Die neuen DiGas erobern rapide den Markt und wir hoffen, dass Sie die Industrieausstellung zu dem Thema informativ fanden. Man mag die Beteiligung der „Industrie“ an unserem Kongress auch kritisch diskutieren, aber wir denken, dass wir uns dieser Möglichkeit – auch um die Teilnahmegebühren in Grenzen zu halten -  auch in Zukunft öffnen sollten.

Zudem wollten wir neue Präsentations-Formate einführen, um den Wissenschaftler*innen bessere Rahmenbedingungen zur Präsentation Ihrer Original-Daten zu ermöglichen:  Anstelle der vormals räumlich sehr gedrängten „Papier-Poster“-Ausstellung wollten wir erstmals „ePoster“ einführen; ein Format, dass sich schon auf anderen Kongressen sehr bewährt hat. Zusätzlich haben wir mit den „MiniTalks“ einen „Mittelweg“ zwischen Symposiums-Vortrag und ePoster gesucht.

Anfang 2020 hatten wir den Eindruck, mit der Planung auf einem guten Weg zu sein - aber dann kam „Corona“ und der Kongress 2020 (Präsident: Volker Köllner, Berlin) wurde auf 2021 verschoben. Durch das zusätzliche Planungsjahr tauchten für uns ganz neue Herausforderungen und Themen auf: Corona und der Lockdown waren und sind für die psychosomatische Gesundheit vieler Menschen eine erhebliche Belastung, und das wurde dann ein eindrücklicher, primär nicht geplanter Schwerpunkt mit vielen wichtigen Beiträgen. Zudem haben wir vorsichtshalber den Kongress vom März in den Juni verlegt, was etliche von Ihnen vermutlich nicht nur gefreut hat. Dennoch mussten wir bis kurz vor dem Kongress „zittern“, ob und wie die Infektionsschutzregeln einen Präsenz-Kongress zulassen würden.

Und kurz vor dem Kongress begann der Krieg in der Ukraine, und wir fanden dringend, dass wir nicht tagen können, ohne dass diese Katastrophe angemessen adressiert wird. Aber wir wussten nicht wie. Schicksalhaft war dann die Absage unseres ursprünglich geplanten Eröffnungsredners, was uns bei allem Bedauern darüber dennoch die Möglichkeit bot, einen Vortrag zur Ukraine aufzunehmen, den Sie hoffentlich genauso beeindruckend fanden wie wir.

Aber als der Kongress dann lief, waren wir begeistert von dem riesigen Engagement der Referent*innen und der Besucher*innen. Wir finden, die von uns intendierte thematische Vielfalt und Mischung aus typischen Inhalten und Formaten wie den SOTAs und innovativen Formaten hat sehr gut funktioniert. Und dass die Pflege in der Psychosomatik sich gerade jetzt neu organisiert und vernetzt, und sich dann beim Kongress getroffen hat, hat ein zusätzliches Glanzlicht auf unser Motto „Kooperation und Integration“ gesetzt.

Und haben Sie bemerkt, dass das Thema „Nachhaltigkeit“ im Kongress 2022 eine viel größere Rolle spielte als zuvor? Es gab nicht nur die „übriggebliebenen“ Kongresstaschen aus 2021, auch das gedruckte Programm musste käuflich erworben werden, was Sie hoffentlich nicht kleinlich fanden. Und haben Sie die vegetarischen Speisen in der Gastronomie gemocht? Wir schon, aber ein zusätzlicher Salat wäre auch gut gewesen.

Leider war es aber so, dass, wie wohl bei allen Kongressen unter „Corona“-Bedingungen, nur ca. 70% der üblichen Teilnehmer*innenzahl anwesend war. Zudem hatten die Interessierten lange offengelassen, ob sie sich anmelden, was uns große Sorgen bereitet hatte. So hat der Kongress angesichts gestiegener Kosten und gesunkener Einnahmen aus Eintrittsgebühren zum jetzigen Stand einen enormen Fehlbetrag verursacht.  Zum Glück hat das Land Berlin zwei Fonds für alle Kongresse aufgelegt, die erstens überhaupt auf die Idee kommen, in Berlin zu tagen, und zweitens nicht nur Nachhaltigkeit draufschreiben, sondern sie auch praktizieren. Da traf es sich gut, dass wir beides sowieso vorhatten, und dass dies unsere Kreativität und die von KIT hinsichtlich der praktischen Umsetzung so beflügelt hat, dass sogar die grüne Bundestagsabgeordnete, mit dem Fahrrad zum Grußwort angereist, davon beeindruckt war. Dank der Initiative und Beharrlichkeit der Kongressfirma KIT, der Geschäftsführung sowie Geschäftsstelle der DGPM, Anträge an beide Fonds zu stellen, dürfen wir aktuell noch hoffen, die Kongress-Bilanz mit einer „schwarzen Null“ zu schließen.

Natürlich haben wir hier nur einen Bruchteil dessen erwähnt, was erwähnenswert war. Ganz abgesehen davon, dass jede*r Teilnehmer*in eigene Begegnungen, Highlights, Gedankensplitter und Anregungen mit nach Hause nimmt, hoffen wir, dass auch diejenigen, die einen Beitrag mitgebracht haben, eine konstruktive Resonanz erlebt und hoffentlich viele positive Eindrücke mitgenommen haben.

Wir freuen uns schon auf das nächste Jahr in Berlin!

Zurück
person-reading.png