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Herz und Psyche: Die Rolle des Stresshormons Cortisol

Erstellt von Juliane Pfeiffer | |   Nachrichten

Potsdam, 17. März 2016 - Ob Schönes unser Herz höher schlagen lässt, etwas Trauriges uns das Herz bricht, oder ob wir uns etwas zu Herzen nehmen - in unserem Sprachgebrauch besteht zwischen Psyche und Herz eine enge Verbindung. Dass darin mehr als nur ein Körnchen Wahrheit liegt, ist in der Medizin mittlerweile eine anerkannte Tatsache: Psychische Leiden und Herzkrankheiten bedingen sich oft gegenseitig. Auf welchen Mechanismen dieser Zusammenhang beruht, zeigt eine aktuelle Studie: Das Stresshormon Cortisol könnte dafür verantwortlich sein, dass Depressionen mit einem erhöhten Risiko für koronare Herzkrankheiten einhergehen und diese Erkrankungen bei depressiven Menschen zudem häufiger tödlich verlaufen. Privatdozentin Dr. med. Christiane Waller wird für ihre Studie hierzu auf dem Deutschen Kongress für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie mit dem Roemer Preis des Deutschen Kollegiums für Psychosomatische Medizin ausgezeichnet. Über die neuen Erkenntnisse berichtet sie auch auf der heutigen Kongress-Pressekonferenz in Potsdam.

„Wir wissen heute, dass psychosoziale Belastungsfaktoren das Risiko fiir eine koronare Herzkrankheit ähnlich stark erhöhen wie etwa das Rauchen oder Störungen im Fettstoffwechsel“, sagt Privatdozentin Dr. med. Christiane Waller, die sich als Leitende Oberärztin an der Klinik fiir Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universitätsklinik Ulm mit dem Thema befasst. „lm Vergleich zu den klassischen Risikofaktoren ist der Einfluss psychosozialer Faktoren lange Zeit unterschätzt worden. Zahlreiche Untersuchungen zeigen, dass Depressionen, beruflicher und privater Stress oder auch der kürzlich zurückliegende Verlust eines geliebten Menschen fur etwa jeden dritten Herzinfarkt verantwortlich sind.“

Vor allem Depressionen, die aufgrund von chronischem Stress auftreten können, erhöhen das Risiko fiir kardiovaskuläre Erkrankungen. Und auch Patienten, die bereits an einer koronaren Herzerkrankung (KHK) leiden und eine Depression entwickeln, haben ein deutlich erhöhtes Risiko, fiiiher zu versterben als nicht-depressive Menschen mit Herzleiden. Welche Mechanismen diesem Zusammenhang zugrunde liegen, war bislang ungekläıt Christiane Waller ist mit ihrer Arbeitsgnıppe am Ulmer Klinikum auf einen möglichen Erklärungsansatz gestoßen: lm Rahmen einer Studie fand sie Hinweise darauf, dass das Stresshomion Cortisol dabei eine wichtige Rolle einnimmt. Waller und ihre Kollegen unterzogen vier Patientengruppen - Gesunde, Patienten mit KHK, depressive Patienten ohne KHK und depressive Patienten rnit KHK - einem sozialen Stresstest. Dieser bestand darin, vor unbekanntem Publikum eine freie Rede zu halten und verschiedene schwere Rechenaufgaben zu lösen. Üblicherweise schnellt unter einer solchen Anspannung der Wert des Stresshormons Cortisol im Blut in die Höhe. „Coıtisol erfiíllt bei Stress eine wichtige, schützende Aufgabe im Körper: Es wirkt dämpfend auf Entzündungsvorgänge und Autoimmunprozesse“, erklärt Waller. Eine Blutanalyse der Studien-Probanden ergab: Bei depressiven Menschen ohne KHK lagen die Cortisolweıte am höchsten. Deutlich weniger stiegen die Werte bei KHK-Patienten an. Am geringsten war der Cortisolspiegel in der Gruppe, die sowohl unter Depressionen als auch unter einer Koronaren Herzerkrankung litten.

„Depressionen gehen mit einer erhöhten Ausschüttung des Stresshormons Cortisol einher“, erklärt Waller. „Ein Zuviel des eigentlich schützenden Cortisols fiíhrt langfristig allerdings zu einer vermehrten Fettablagerung in den Gefäßen und zur Arterienverkalkung. Damit steigt für Betroffene, also für depressive Patienten, das Risiko, eine koronare Herzerkrankung zu entwickeln.“ Die aktuelle Studie zeigt: Bei Vorliegen einer KHK verkehrt sich die Cortisolausschüttung - sie nimmt ab. „Warum dies so ist, ist bislang noch nicht geklärt“, so Waller. Die Folge ist jedoch, dass durch eine verminderte Coitisolausschüttung wiederum entzündliche Prozesse begünstigt werden, die zu einer Verschlechterung der Herzerkrankung beitragen und das Risiko fiír akute Gefaßverschlüsse und Herzinfarkte erhöhen. In weiteren Studien soll nun geklärt werden, ob eine medikamentöse Behandlung zur Normalisierung des Cortisolspiegels eine koronare Herzerkrankung günstig beeinflussen kann.

Erkenntnisse aus der Psychokardiologie finden bereits heute Eingang in die Therapie der KHK. “Patienten sollten in der Anamnese immer auch zu aktuellen oder zurückliegenden psychischen Problemen befragt und gegebenenfalls psychosomatisch behandelt werden", sagt Christiane Waller. lm Idealfall arbeiten Hausarzt und Kardiologe bei der Betreuung ihrer Patienten eng mit einem Psychosomatiker zusammen - da nur eine interdisziplinäre Versorgung dem komplexen Wechselspiel zwischen Herz und Psyche gerecht wird.

Literatur:
Waller et al., Blunted Cortisol Stress Response and Depression-induced Hypocortisolism is related to Inflammation in Patients with Coronary Artery Disease, JACC Vol 67 No. 9, Mar 2016

Kontakt für Journalisten:
Deutscher Kongress für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie
Pressestelle
Juliane Pfeiffer
Postfach 30 ll 20, 70451 Stuttgart
Tel.: 0711 8931-693
Fax: 0711 8931-167
pfeiffermedizinkommunikationorg
www.deutscher-psychosomatik-kongress.de

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