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Long Covid – wo bleibt die Psychosomatik?

created by Peter Henningsen, München | |   Nachrichten

Die Debatte darüber, was die zum Teil ausgeprägten Beschwerden verursacht, an denen Menschen nach durchgemachter Covid-19-Infektion leiden und die mit Begriffen wie Long und Post Covid bezeichnet werden, sind heftig. Sehr viele Betroffene, Selbsthilfegruppen und auch Mediziner vertreten vehement einseitig biologische Ursachenvorstellungen, verbunden mit manchmal geradezu höhnischer Ablehnung psychosomatischer Aspekte dieses Beschwerdesyndroms. Es gibt dabei Parallelen zur Debatte um Myalgische Encephalomyelitis/ Chronic Fatigue Syndrom (ME/ CFS), es wird auch davon gesprochen, dass viele Patienten mit Long Covid auch an ME/ CFS leiden. Leider finden diese Stimmen auch medial erhebliche Aufmerksamkeit, werden z.B. von E.v. Hirschhausen propagiert. Das Ganze ist kein spezifisch deutsches Phänomen, findet in vergleichbarer Weise in vielen Ländern statt.

Als Psychosomatische Mediziner ist uns klar, dass im Erleben anhaltend belastender Körperbeschwerden, wie beim Long Covid Syndrom, neben möglichen, ggf. noch unentdeckten biologischen, z.B. immunologischen Faktoren IMMER auch psychosoziale Faktoren mitbestimmend sind, angefangen mit Aufmerksamkeits- und Erwartungseffekten über psychische Komorbiditäten und persönlichkeitsstrukturelle Faktoren, bis hin zu aktuellen und biographischen Stressoren. In diesem biopsychosozialen Verständnis ist Long Covid als ein funktionelles somatisches Syndrom anzusehen. Wir wissen aber auch, dass wir mit unseren überholten Modellen zur rein psychogenen Verursachung solcher Körperbeschwerden historisch viel Angriffsfläche geboten haben für die in der heutigen Debatte oft polemisch eingesetzte, schlicht falsche Gleichsetzung von psychosomatisch und psychogen.

Was aber tun wir, um den verkürzenden und verfälschenden, zum Teil verunglimpfend anti-psychosomatischen Äußerungen nicht nur intern zu widersprechen, sondern auch (fach-)öffentlich etwas entgegenzusetzen? Hier gibt es verschiedene Ebenen: zum einen vertreten Psychosomatikerinnen und Psychosomatiker unsere Sicht zu Long Covid in bundesweiten interdisziplinären Forschungsprojekten und –verbünden, ein großes multizentrisches Verbundprojekt zu Long Covid (PsyLoCo, Sprecherin Dr. C. Allwang, München) ist von der Psychosomatik aus koordiniert. Es wurden von Essener und Hamburger Gruppen auch bereits interdisziplinäre Studien mit psychosomatischer Federführung bzw. Beteiligung publiziert (Fleischer et al. 2022, Engelmann et al. 2022), die die Bedeutung psychosozialer Faktoren für das Risiko, an Long Covid zu erkranken, bzw. für das Krankheitsbild selbst betonen. In einem großen Artikel der Süddeutschen Zeitung zu Long Covid Anfang September wurden psychosomatische Experten und Sichtweisen so deutlich präsentiert, dass sich der Autor einem erheblichen Shitstorm der Anhänger rein biologischer Sichtweisen ausgesetzt sah (Bartens 2022). Mitglieder des Gesundheitsausschusses des Bundestags wurden auch kontaktiert und mit Material zu den Themen versorgt.
Da die heftig anti-psychosomatischen und auch anti-psychotherapeutischen Haltungen traditionell in der Gruppe der ME/ CFS –Verfechter besonders ausgeprägt sind, ist es wichtig, dass auch hier die Psychosomatik Flagge zeigt. So wurde die AWMF-S3-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin zu Müdigkeit von verschiedenen Patientenselbsthilfegruppen und medizinischen Verfechtern des biologischen ME/ CFS-Konzepts so stark geprägt, dass dort z.B. beim Vorliegen von ME/ CFS von Psychotherapie und gestufter Aktivierung als Behandlungsform aktiv abgeraten wurde. Auf Initiative von DGPM und DKPM wurde daraufhin ein auch von der DGPPN und der DGIM (Innere Medizin) mitgetragenes Sondervotum verfasst, das diesen Sichtweisen widerspricht und das Eingang in die Leitlinie findet. Mitglieder der DGPM sind auch Koautoren bei einer internationalen Publikation mit mehr als 50 Koautoren, in der gravierende methodische Fehler der Leitlinie zu ME/ CFS, die die englische Leitlinienorganisation NICE im letzten Jahr veröffentlicht hat und auf die sich viele Verfechter der biologischen Sichtweisen beziehen, dargestellt werden. Auch zu einem Vorbericht des IQWiG zu ME/ CFS, der sich stark auf die NICE-Leitlinie stützt, zum Glück aber eigene, für Psychotherapie und gestufte Aktivierung etwas günstigere Schlussfolgerungen zieht, nehmen DGPM und DKPM mit dem Ziel Stellung, dass in der dortigen Bewertung der Nutzen von Psychotherapie noch deutlicher betont wird.

Noch mehr Aktivität wäre sicher wünschenswert, stößt aber an Grenzen von zeitlichen und menschlichen Ressourcen. Immerhin: wir wollten zeigen, dass die Psychosomatische Medizin ihre Stimme durchaus an verschiedenen Stellen erhebt – und wir wollen Ihnen, liebe Kollegin, lieber Kollege, Mut machen, dies in ihrem Umfeld auch zu tun, wann immer sich die Gelegenheit bietet. Das sind wir unserm Fach, vor allem aber auch den betroffenen Patienten und Patientinnen schuldig.

 

Bartens W. Was zählt mehr: Laborwerte oder subjektives Krankheitserleben. Süddeutsche Zeitung vom 9.9.2022.

Engelmann P, Löwe B, Brehm TT, Weigel A, Ulrich F, Addo MM, Schulze zur Wiesch J, Lohse AW, Toussaint A. Risk factors for worsening of somatic symptom burden in a prospective cohort during the COVID-19 pandemic. Front Psychol 2022; 13:1022203.

Fleischer M, Szepanowski F, Tovar M, Herchert K, Dinse H, Schweda A, Mausberg AK, Holle-Lee D, Köhrmann M, Stögbauer J, Jokisch D, Jokisch M, Deuschl C, Skoda EM, Teufel M, Stettner M, Kleinschnitz C. Post-COVID-19 Syndrome is Rarely Associated with Damage of the Nervous System: Findings from a Prospective Observational Cohort Study in 171 Patients. Neurol Ther. 2022 Dec;11(4):1637-1657.

White P et al. Eight major errors in the review process and interpretation of the evidence in the NICE guideline for chronic fatigue syndrome and myalgic encephalomyelitis. JNNP 2022, in review.

 

Peter Henningsen, München

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