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Ausgabe 04/2022

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Ausgabe 04/2022 der Zeitschrift „Ärztliche Psychotherapie und Psychosomatische Medizin"

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Anmoderation M. Neises-Rudolf
Heft 4/2022
Ärztliche Psychotherapie zum Schwerpunkt „Die Psyche in der somatischen Medizin“
Herausgeber:innen: Dr. med. Hildgund Berneburg, Würzburg, und Dr. med. Gerhard Hildenbrand, Lüdenscheid

Die Herausgeberin und der Herausgeber starten ihr Editorial mit dem Statement „Körper und Seele miteinander zu denken, ist grundlegend für die moderne psychosomatische Medizin und ihr bio-psycho-soziales Krankheitsmodell“ und betonen: „Es geht dem Fachgebiet dabei gerade nicht darum, dem Körper weniger, sondern der Seele mehr Beachtung zu schenken … Psychotherapie und somatische Medizin mit- einander auszuüben, simultan, integrativ und kooperativ, verbunden mit der Hoffnung, den immer noch existenten Leib-Seele-Dualismus in der Medizin zu überwinden“.

Der Wissenszuwachs im Fachgebiet ist enorm, so z. B. über die Zusammenhänge von frühem Stress, maladaptiv verarbeiteten intrapsychischen Konflikten, traumatischen Erfahrungen, dysfunktionalen Beziehungserfahrungen mit späteren »körperlichen« Erkrankungen. Krankheitsbilder, an deren Entstehung und/oder deren Verlaufscharakteristik psychosoziale Faktoren eine wesentliche Rolle spielen, gibt es in zahlreichen Fachgebieten, wie internistische, dermatologische, neurologische und gynäkologische, um nur einige zu nennen. So ist es naheliegend, dass die psychosomatische Versorgung zunehmend von somatischen Kolleg:innen, die oft selbst die Qualifikation in psychosomatischer Grundversorgung erworben haben, für ihre Patient:innen in Anspruch genommen wird. Institutionell erfolgt eine stärkere Einbindung in die Strukturen der Krankenhäuser, sei es z. B. durch Mitwirkung in Organzentren, bei der ambulanten spezialärztlichen Versorgung und in vielen Komplexbehandlungen, aber auch durch die Etablierung psychosomatischer Abteilungen an Allgemeinkrankenhäusern in unmittelbarer Nähe zu somatischen Nachbarfächern. Auch wissenschaftlich ist die psychosomatische Medizin längst in der somatischen Medizin angekommen. So hat sie an zahlreichen AWMF-Leitlinien somatischer Fachgebiete mitgewirkt und sich an interdisziplinären Forschungsprojekten beteiligt. Diese Absteckung des Rahmens legt die Auswahl der Beiträge nahe, die insgesamt einen weiten Bogen spannen:

Paul Köbler beschreibt zusammen mit seinen Nürnberger Kolleg:innen das Konzept einer integrierten Psychosomatik in der somatischen Medizin. Ziel dieses Modells, das einen barrierefreien Zugang von Menschen mit komorbiden körperlichen und psychischen Erkrankungen zu psychosomatischer Therapie ermöglicht, ist es, zu insgesamt besseren Behandlungsergebnissen und Prognosen zu kommen.

Claudia Schumann-Doermer fordert für das Fachgebiet Gynäkologie eine »psychosomatische Sorgfaltspflicht«. Anhand mehrerer klinischer Beispiele wird veranschaulicht, wie eine psychosomatische Perspektive dabei hilft, das Krankheitsgeschehen und die Patient:innen umfassender zu verstehen und die Arzt-Patient-Beziehung für die Behandlung bewusst zu nutzen.

Jost Langhorst und Anna K. Koch machen in ihrem Beitrag zu chronisch entzündlichen Darmerkrankungen darauf aufmerksam, wie eine hohe Krankheitsaktivität mit einer erhöhten psychischen Symptombelastung einhergehen kann und auch umgekehrt psychische Störungen und/oder psychosozialer Stress sich negativ auf den Krankheitsverlauf und die Lebensqualität auswirken können.

Norbert Hartkamp zeigt anhand einer zunächst somatisch erklärten Erkrankung, dem Morbus Parkinson, der seitens der Psychosomatik bislang eher wenig Aufmerksamkeit gefunden hat, wie sinnvoll und effektiv Möglichkeiten der psychosomatischen Interventionen zur Unterstützung der Krankheitsbewältigung genutzt werden können.

Maxi Braun und Petra Beschoner greifen ein sehr wichtiges Thema auf, nämlich Ärzt:innen nicht nur als die Anwender:innen Psychosomatischer Medizin zu sehen, sondern auch als selbst Betroffene somatischer, psychischer und psychosomatischer Störungen. Die Autorinnen befassen sich dabei mit äußeren wie auch intrinsischen Belastungsfaktoren, aber auch mit den Problemen, selbst Hilfe für sich in Anspruch zu nehmen, was die Patientensicherheit und die Qualität der Behandlung beeinflusst.

Tobias Hofmann schließt das Schwerpunktthema ab mit einem kritischen Blick auf die Folgen der Ökonomisierung in der Medizin und untersucht, welche Veränderungen des Wahrnehmens und Bewertens und welche Folgen für das ärztliche Denken und Handeln damit verbunden sind.

Hingewiesen sei auch auf das Thema von Joram Ronel, das zwar außerhalb des Schwerpunkts eingereicht wurde, sich aber perfekt einfügt: „Somatische Medizin und stationäre psychosomatisch-psychotherapeutische Behandlung. Ebenen einer psychosomatischen Integration.“

Auch in diesem Heft finden sich wieder lesenswerte Inhalte der Rubrik „Aus Politik und Praxis“, so stellt Giovanni Fava in „Favas-Feder“ wieder interessante und kritisch-reflektierte Fallgeschichte vor und Kamiar K. Rückert schreibt zum Thema „Scham. Die ärztliche Kunst der Archäologie“.

Wie immer gibt es die ausführlichen Mitteilungen aus den Fachgesellschaften: DGPM, VPK und BPM.  Diese Verbandsnachrichten wie auch das Editorial sind frei zugänglich unter folgendem Link: elibrary.klett-cotta.de/content/pdf/10.21706/aep-17-4-242.pdf

Den Abschluss bilden drei Buchbesprechungen zu den Themenbereichen Mentalisierung und Yoga, schließlich eine Achtsamkeitsübung für alle Interessierte und ein Kongressbericht zur Psychosomatischen Frauenheilkunde in Wien, durchgeführt von der ISPOG (www.ispog.org) und drei deutschsprachigen Fachgesellschaften, sowie abschließend noch der Veranstaltungskalender und der Ausblick auf die nächste Ausgabe 1/2023 zum Thema: Angst.

Psychosomatik ist so verstanden einerseits ein hochspezialisietes Fachgebiet zur Diagnostik und multimodalen Komplexbehandlung psychosomatischer und somatopsychischer Störungen, dabei aber idealerweise integriert in eine Medizin, die sich nur weiterentwickeln wird, wenn sie neben aller biologischen Orientierung die psychosozialen Aspekte von Gesundheit und Krankheit nicht vernachlässigt. Mit diesem Statement der Herausgeber:innen wünschen die Schriftleitung zusammen mit den Autor:innen allen Leser:innen eine anregende Lektüre.

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AEP 04/2022