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Zeitschrift für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie 2026 Jg. 72, Heft 2

Risiko – Prädiktion – Konzeptualisierung
02.09.2026
Bundesverband
Stephan Doering

Editorial

Risiko – Prädiktion – Konzeptualisierung

Stephan Doering

In diesem Heft unserer Zeitschrift setzen wir uns mit der Erfassung von Risikofaktoren
und Prädiktoren psychischer und psychosomatischer Störungen auseinander
und reflektieren deren Auswirkung auf die Therapie.
Am Beginn steht eine Grundsatzdebatte, an der ich als Herausgeber und Mitverantwortlicher
im Arbeitskreis Operationalisierte Diagnostik (OPD) selbst beteiligt
bin. Mit Recht und guten Argumenten stellt Christiane Steinert aus Berlin die Frage,
ob die Konzeptionalisierung der OPD-Strukturachse nicht allzu normativ geraten
ist. Wird hier ein Ideal von guter Struktur und damit psychischer Gesundheit geschaffen,
das alle, die diese nicht erreichen pathologisiert? In meiner Replik weise
ich darauf hin, dass in der Tat das Strukturniveau in der Normalbevölkerung einer
linksschiefen Normalverteilung zu folgen scheint. Das heißt, nur wenige Menschen
zeigen das „gute Strukturniveau“ währen die meisten im Bereich zwischen 1,5 und
2,5 – also „neurotisch“ mit reiferer oder weniger reifer Ausprägung – zu finden sind.
Darüber hinaus geht die OPD-3 nicht davon aus, dass unser strukturelles Funktionieren
immer gleich gut ausgeprägt ist, sondern dass eine gewisse Variabilität in der
Natur der Sache liegt. Natürlich bleibt die Grundfrage: Wie normativ ist unsere Diagnostik?
Diskriminiert sie oder bildet sie Realität ab – testtheoretisch sollten Bodenund
Deckeneffekte vermieden werden, ethisch dagegen die Bewertungen (Steinert,
2026; Doering, 2026).
Derwahl et al. (2026) räumen mit dem Vorurteil auf, Studierende der Medizin
oder Psychologie bzw. (angehende) Lehrer:innen seien psychisch labiler als andere
Menschen („Die wollen ja nur sich selbst therapieren!“). Tatsächlich scheint es sogar
umgekehrt zu sein: Lehramts-, Psychologie- und Medizin-Studierende sind möglicherweise
sogar integrierter hinsichtlich ihrer Persönlichkeitsstruktur und weniger
anfällig für ein Burnout als die anderer Fächer.
Kaum jemand kennt die Welt der empirischen Psychotherapieforschung so gut
wie Falk Leichsenring. Die qualitativen Ansprüche an seine eigenen Studien, die
messerscharfen Analysen des Feldes sowie seine Empörung über wissenschaftliche
Unredlichkeit im Schulenstreit sind Legende. Allerorten wird derzeit von einer
„modularen Psychotherapie“ gesprochen, wobei leicht unter den Tisch fällt, dass es
bislang so gut wie keine empirischen Wirksamkeitsnachweise dafür gibt. Ebenso
bleibt die Auseinandersetzung mit konzeptionellen Bedenken meist aus. Dazu nehmen
Leichenring et al. (2026) Stellung und versuchen einen konstruktiven und fairen
Dialog zwischen den Vertreter:innen der verschiedenen Lager anzustoßen.

In einem weiteren Beitrag stehen Vorurteile auf dem Prüfstand – diesmal sind es
Altersstereotype, nämlich, dass ältere Menschen weise, aber auch rigide und isoliert
und überhaupt eine Bürde für die Gesellschaft seien. Reinwarth et al. (2026) zeigen,
dass jüngere Menschen zwar durchaus annehmen, ältere seien rigide und eher isoliert,
dass aber in allen Altersgruppen die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung
davon überzeugt ist, das ältere Menschen erfahrener und weiser seien, jedoch keineswegs
die Gesellschaft belasten.
Den Abschluss des Heftes bildet die Arbeit von Entrup et al. (2026), in der dem
Zusammenhang von kindlichen Misshandlungserfahrungen und zervikaler Dystonie
nachgegangen wird. In dieser Fall-Kontroll-Studie konnte kein derartiger Zusammenhang
nachgewiesen werden. Das Autorenteam schließt – auch im Lichte
vergleichbarer Studien –, dass kindliche Missbrauchserfahrungen wohl keinen signifikanten
Einfluss auf die Entstehung fokaler Dystonien haben dürften.
Unser „Manuskripthaushalt“ hat mehr oder weniger zufällig ergeben, dass in
diesem Heft bis auf einen Beitrag alle in englischer Sprache erscheinen. Wir bieten
unseren Autor:innen diese Option ja schon seit mehreren Jahren an. Der Vorteil
besteht darin, dass englischsprachige Beiträge mehr gelesen werden (dies zeigt die
Online-Statistik des Verlags) und auch mehr zitiert werden. Darin liegt ein Vorteil
insbesondere für Autor:innen am Anfang ihrer Karriere, die Impact-Faktoren und
Zitationen für ihre Habilitationen und Berufungen sammeln müssen. Auf der anderen
Seite gehen wir davon aus, dass nicht alle von Ihnen, unseren Leser:innen,
mit diesen englischsprachigen Publikationen einverstanden sind. Nun haben wir
tatsächlich von Ihnen noch nie eine derartige Rückmeldung erhalten – vielleicht
schätzen wir Sie ja auch falsch ein? Nehmen Sie doch bitte dieses Heft zum Anlass,
es uns mitzuteilen, falls Sie mit so vielen englischen Texten nicht einverstanden
sein sollten.

Literatur
Derwahl, L., Buchholz, I., Strauß, B., Gumz, A. (2026). Burnout and Personality Structure: A
Comparison of Medical, Psychology and Teaching and Other Students. Z Psychosom Med
Psychother, 72, 142-158.
Doering, S. (2026). Reply to Steinert: Light and Shadow of the “Os”. Z Psychosom Med Psychother,
72, 127-141.
Entrup, J., Mautner, S., Kamm, C., Berger, C., Reese, R., Spitzer, C. (2026). (2026). Childhood
Maltreatment and Cervical Dystonie. Z Psychosom Med Psychother, 72, 189-199.
Leichsenring, F., Doering, S., Steinert, C. (2026). Modular Psychotherapy – Conceptual and
Empirical Issues. Z Psychosom Med Psychother, 72, 159-174.
Reinwarth, A.C., Krakau, L., Brähler, E., Strauß, B., Peters, M. (2026). Altersstereotype in
Deutschland – Ergebnisse einer repräsentativen Befragung. Z Psychosom Med Psychother,
72, 175-188.
Steinert, C. (2026). Commentary: Darkening the „O“ in OPD. Z Psychosom Med Psychother,
72, 128-136.

Stephan Doering, Klinik für Psychoanalyse und Psychotherapie, Medizinische Universität
Wien

 

Z Psychosom Med Psychother 72, 125–127, ISSN (Printausgabe): 1438-3608, ISSN (online): 2196-8349
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