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Ausgabe 01/2024

Ausgabe 01/2024 der Zeitschrift „Ärztliche Psychotherapie"
26.01.2024
Bundesverband

Anmoderation M. Neises-Rudolf

Heft 1/2024 Ärztliche Psychotherapie zum Schwerpunkt „Depression“
Herausgeber: Prof. Dr. rer. nat. Ulrike Dinger, Düsseldorf, Dr. med. Gerhard Hildenbrand, Lüdenscheid

Das Editorial geht auf die besonderen Herausforderungen des Krankheitsbildes ein, Gründe dafür sind zum einen die hohe Prävalenz depressiver Erkrankungen und der daraus folgenden hohen Versorgungsrelevanz. Daneben stellt die große Varianz bei den betroffenen Personen in der individuellen Manifestation mit ihrer jeweiligen Dynamik eine große Herausforderung dar, weshalb die bestehenden Erklärungsmodelle als auch die daraus ableitbaren Therapieansätze einer kontinuierlichen Weiterentwicklung bedürfen. Insbesondere werden weder rein biologische noch primär psychogenetische Erklärungsmodelle dem komplexen Krankheitsbild der Depression gerecht. Integrative Impulse entstehen aktuell u. a. durch die Neurowissenschaft in Kombination mit Prozessen von maschinellem Lernen und künstlicher Intelligenz. Zunehmend werden Modelle diskutiert, die als Weiterentwicklung des biopsychosozialen Modells verstanden werden können. Das Heft bildet mit insgesamt sechs Beiträgen zum Schwerpunktthema ein Spektrum ab, das dieser Entwicklung Rechnung trägt.

Matthias Franz vergleicht aus psychoanalytisch-psychohistorischer Sicht die deutschen Nachkriegsjahrgänge von 1955 bis 1964 mit ihrer Elterngeneration, die Vorkriegsjahrgänge 1930–1939 und findet überraschende Parallelen: Erfahrungen, die zu einer verinnerlichten narzisstischen Grandiosität führen und somit zur depressiven Vulnerabilität beitragen können. Reflektiert werden die Mechanismen der transgenerationalen Weitergabe und diese werden zur Erklärung aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen herangezogen.

Der Beitrag von Johannes Kruse, Sandra Zara und Hanna Kampling geht auf den häufigen Zusammenhang von depressiven Symptomen mit chronischen körperlichen Erkrankungen am Beispiel des Diabetes mellitus ein. Die hohe Komorbidität der beiden Störungen wird u.a. über geteilte psychosoziale Risikofaktoren erklärt, gleichzeitig erhöht die Komorbidität die Wahrscheinlichkeit für einen ungünstigen Krankheitsverlauf. Die Autor:innen plädieren für einen integrativen und interdisziplinären Behandlungsansatz, wie dies z. B. Psychosomatische Versorgungsambulanzen leisten können.

Mit Suizidalität im Alter und dem Anliegen eines assistierten Suizids beschäftigt sich der Beitrag von Reinhard Lindner. Die Beschreibung zu Häufigkeit, Einflussfaktoren und Auslösesituationen für Suizidalität macht die Bedeutung des Themas im Alter und in der Geschlechterperspektive deutlich.  Der Autor geht dabei auch auf das aktuelle und politisch diskutierte Anliegen zur Suizidassistenz im Alter ein. Dazu werden die Datenlage und die aktuellen politischen Beschlussfassungen des Deutschen Bundestags referiert. Der Beitrag zeigt schließlich wertvolle Perspektiven auf für die psychotherapeutische Arbeit mit alten Menschen, die suizidal sind oder das Anliegen eines Suizids haben.

Stefan Peters, Angelika Baldus und Gerhard Huber beschreiben die Bedeutung von körperlicher Aktivität sowie der Sport- und Bewegungstherapie für die Prävention und die Behandlung depressiver Störungen. Dazu referieren sie die Studienlage und stellen die potenziellen Wirkmechanismen von Sport- und Bewegungstherapie heraus, die neben den psychologischen und sozialen Effekten auch auf biologischer Ebene entstehen, sodass hier von einem komplexen, integrativen psycho-physiologischen Wirkmodell ausgegangen wird. Der Beitrag beschreibt abschließend die bewegungsbezogenen Gesundheitsangebote im Versorgungssystem von der Akutversorgung bis hin zur Rehabilitation.

Henning Schauenburg stellt die aktuelle Version der Versorgungsleitlinie „Unipolare Depression“ vor. Die therapeutischen Empfehlungen wurden im Bereich der Pharmakotherapie weiter differenziert und im Bereich der Psychotherapie erfolgt eine genauere Betrachtung der Wirkprozesse und Nebenwirkungen, geblieben ist die Orientierung der Therapieempfehlungen an den Schweregraden der depressiven Symptomatik. Neu ist u. a. die ausführliche Darstellung evidenzbasierter niedrigschwelliger Interventionen, wie Selbsthilfe, Bibliotherapie, digitale Anwendungen, Lichttherapie, Sport etc. Ferner werden soziotherapeutische Maßnahmen vorgestellt. Zuletzt wird stärker als bisher das Rehabilitationssystem mit seinen vielfältigen Möglichkeiten dargelegt. Insgesamt wird Wert auf die Berücksichtigung der Patientenposition im Sinne von Transparenz und Entscheidungsbeteiligung gelegt.

Im Beitrag von Sarah Stapel und Eva-Lotta Brakemeier werden anhand eines Fallbeispiels die wesentlichen Merkmale und Bestandteile der integrativen CBASP-Methode nach McCullough dargestellt. Deutlich wird hier u. a. der Fokus auf internalisierten negativen Beziehungserfahrungen und deren Bearbeitung auch in der therapeutischen Beziehung. Die CBASP kombiniert dabei Elemente verschiedener Therapietraditionen (psychodynamische Elemente, kognitiv-behaviorale Methoden, interpersonelles Circumplexmodell). Abschließend werden der aktuelle Stand der Forschung sowie Weiterentwicklungen skizziert.

Die Beiträge in diesem Heft belegen die Notwendigkeit einer modernen Psychosomatischen Medizin in der Versorgung von Menschen mit depressiven Erkrankungen. Dabei sind Behandlungskonzepte erforderlich, die nicht nur multimethodal, multimodal und multiprofessionell organisiert sind, sondern sich auch räumlich und zeitlich kohärent mit der somatischen Medizin vernetzen und austauschen. Die psychosomatisch-psychotherapeutische Komplexbehandlung depressiver Störungen ermöglicht eine personalisierende Behandlungsplanung, die unterschiedliche bio-psycho-soziale Behandlungskonzepte integriert. Das Heft bündelt Anregungen für alle, die im Bereich der Versorgung und Forschung damit befasst sind.

In der Rubrik »Politik und Praxis« beschäftigt sich der Beitrag von Kamiar K. Rückert mit dem Thema „Freude – Wege in das schöne Leben“ als wichtiges Element im therapeutischen Prozess. Mit »Favas Feder« wird die Fallgeschichte einer Patientin als „Die vierte Spezialistin“ vorgestellt. Caroline Rometsch stellt ihre Perspektive, diesmal auf die Forschung, vor.

Wie immer folgen die ausführlichen Mitteilungen aus den Fachgesellschaften: DGPM, VPK und BPM. Diese Verbandsnachrichten wie auch das Editorial sind frei zugänglich unter folgendem Link: https://elibrary.klett-cotta.de/content/pdf/10.21706/aep-19-1-2.pdf. Den Abschluss bilden eine Buchbesprechung von Cora Pilcher zum Buch „Hochbegabung – das Kartenset für Coaching, Therapie und Selbstcoaching“ sowie der Veranstaltungskalender und der Ausblick auf die nächste Ausgabe 1/2024 zum Thema: Schmerz.

Herausgeber:innen und Schriftleitung zusammen mit allen Autor:innen hoffen mit diesem aktuellen Überblick zu einem häufigen und häufiger werdenden Krankheitsbild auf Ihr Interesse und wünschen neue Erkenntnisse und Bereicherung beim Lesen.