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Nachrufe

Hier finden Sie Nachrufe zu bedeutenden Persönlichkeiten aus dem Fachgebiet der Psychosomatischen Medizin der letzten Jahren:

Nachruf Dr. Margit Julia Venner

Mit großer Trauer und tiefer Dankbarkeit nehmen wir Abschied von Frau Dr. Margit Julia Venner, die am 10. März 2026 im 89. Lebensjahr verstorben ist.
Ihr Lieblingsspruch, der ihr Wesen und ihr Lebenswerk auf besondere Weise einfängt, lautete:

Brücken machen Abgründe begehbar,
Brücken wachsen nicht, sie müssen gebaut werden,
dazu braucht es Menschen.

Margit Venner war eine solche Brückenbauerin. Sie gehörte der Generation der Kriegskinder an. 1937 in Osterode in Ostpreußen als Älteste von zwei Kaufmannstöchtern geboren, 1944 dramatische Flucht mit Mutter, Großmutter und der kleinen Schwester nach Dresden, das gerade völlig zerstört worden war. 1946 Verhaftung des kurz vorher aus dem Krieg heimgekehrten Vaters, auf offener Straße – auf Nimmerwiedersehen und ohne je eine verlässliche Nachricht. Sie hat viel Unsicherheit und Bedrohung in ihrer Kindheit erlebt und die Brücken zu vertrauten Menschen waren das einzig Verlässliche.

Ihr Wunsch, Ärztin zu werden, entstand früh und blieb unbeirrbar. Trotz politischer Schwierigkeiten wegen ihrer Zugehörigkeit zur Jungen Gemeinde erreichte sie das Abitur und ging ihren Weg mit großer Entschlossenheit. In den ersten Jahren nach dem Studium in der Oberlausitz in Herrenhut lernte sie ein breites Spektrum ärztlicher Tätigkeit kennen: Schwangerenberatung, Geburten, Schuluntersuchungen, Warzen besprechen, EKGs auswerten, Platzwunden nähen, Achillessehnen flicken, Gewehrkugeln entfernen – es gibt viele atemberaubende Geschichten.

Die frisch gebackene Ärztin stellte jedoch bald fest, dass die medizinischen Kenntnisse bei vielen PatientInnen nichts nützten. Besonders die Geschichte einer jungen Frau, deren Leiden sich nicht allein körperlich erklären ließ, wurde für sie zu einem Wendepunkt: Sie begann zu begreifen, dass man den Menschen in seiner Lebenssituation verstehen muss, nicht nur die körperlichen Symptome. Ihr damaliger Chef erkannte, dass diese sonderbare Kollegin Antworten brauchte, die er nicht geben konnte und schickte sie zu seinem ähnlich sonderbaren Studienkollegen, Gerhard Klumbies, nach Jena. Dieser hatte 1951 mit Hellmuth Kleinsorge die Psychotherapie-Abteilung der Medizinischen Poliklinik eröffnet, eine der ersten in der DDR.

So kam sie 1965 als Ausbildungsassistentin nach Jena an die Medizinische Poliklinik – „eine glückliche Fügung“, wie sie oft sagte. Hier fand sie in der Psychotherapie ihre eigentliche berufliche Heimat. Über viele Jahre hinweg prägte sie die Abteilung entscheidend, seit 1985 als deren Leiterin bis zu ihrer Pensionierung.

Margit Venners Anliegen war es auch hier, Brücken zu bauen zwischen den Fachgebieten Innere Medizin und Psychotherapie. Die Abteilung für Internistische Psychotherapie war ab 1984 fester Bestandteil der Klinik für Gastroenterologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena, auch wenn immer wieder Missverständnisse und Schwierigkeiten auf Grund der unterschiedlichen Denkweisen und Behandlungskonzepte auftraten.

Mit der Maueröffnung wurde auch der Brückenschlag von Ost nach West und von West nach Ost möglich. Sie, die schon früh erfahren hatte, dass 1000-jährige Reiche zusammenbrechen, ließ sich durch den Zusammenbruch der DDR nicht einschüchtern. Schon seit 1987 gab es Kontakte zu AnalytikerInnen in Heidelberg, die nach 1989 intensiviert wurden. Margit Venner ist viel gereist und hat sich für Psychotherapie-Situation im anderen Teil Deutschlands interessiert. Dabei bemerkte sie schnell, dass überall „mit Wasser gekocht“ wird.

Sie hat seit 1990 viele Vorträge und Workshops in den alten Bundesländern über die im Osten gewachsene Psychotherapie und Psychosomatik gehalten, sich mutig Auseinandersetzungen gestellt und damit viel für das gegenseitige Kennen- und Verstehen-lernen zwischen Ost und West beigetragen. Ihre klare, sichere, kritische Haltung, verbunden mit innerer Unabhängigkeit, machte sie für viele zu einer wichtigen Orientierung in diesen bewegten Zeiten. Sie wurde rasch in mehrere Fachgesellschaften, wie das „Deutsche Kollegium für Psychosomatische Medizin“ (DKPM) aufgenommen und in den Vorstand gewählt.

Als Gründungsmitglied des psychoanalytischen Instituts in Jena hat sie dessen Entwicklung entscheidend mitgestaltet und maßgeblich dazu beigetragen, dass das Institut Anschluss an die Deutsche Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie (DGPT) fand. Über viele Jahre hinweg engagierte sie sich in verantwortlicher Position für die Lehre und für die berufspolitische Verankerung des Instituts.

Margit Venner war eine leidenschaftliche Lehrerin und sehr engagiert in der Aus-, Weiter- und Fortbildung von MedizinstudentInnen, von ÄrztInnen und PsychologInnen. Sie verstand es meisterhaft, psychogenetische Zusammenhänge in verständlicher Sprache zu vermitteln und mit interessanten Beispielen aus ihrem reichen klinischen Erfahrungsschatz zu veranschaulichen. Sie hat viele ÄrztInnen aller Fachgebiete in unzähligen Kursen und Balintgruppen für die psychosomatische Denkweise in der Medizin gewonnen.

Ihr berufliches Wirken ist zugleich eng mit der Entwicklung und Umsetzung gruppenanalytischer Konzepte verbunden. Sie adaptierte die in der DDR entwickelten gruppentherapeutischen Behandlungsansätze für Patientinnen und Patienten mit schweren psychosomatischen und somatischen Erkrankungen sowie für Menschen mit Essstörungen und hat hierzu publiziert.

In den letzten klinischen Jahren widmete sie sich insbesondere der psychosomatischen Evaluation im Kontext der Lebendorganspende und war auch hier durch Vorträge und Veröffentlichungen präsent.
Ihre umfangreiche gruppentherapeutische Erfahrung brachte sie in die Selbsterfahrungsgruppen ein, die sie über viele Jahrzehnte leitete. Dabei begleitete sie einzelne Gruppen oft über mehrere Jahre
hinweg – nicht orientiert an formalen Vorgaben, sondern an den Entwicklungsbedürfnissen der jeweiligen Gruppenmitglieder. Ihre Gruppenleitung war geprägt von Respekt, Verlässlichkeit und einem tiefen Vertrauen in die Entwicklungsmöglichkeiten eines Menschen durch die Erfahrung einer tragfähigen Gruppe.

Neben all dem war sie ein zutiefst familienverbundener Mensch. Mit Wärme und Humor sprach sie oft von ihrem Ehemann, Prof. Harry Venner, der leider viel zu früh verstorben war. Sie liebte ihre Kinder, Enkel und Urenkel und lebte bis zum Schluss wohlgeborgen im großen Familienhaus, behütet und versorgt von ihrer Tochter und der Familie einer Enkelin.

Sie war auch eine leidenschaftliche Leserin. Außer Karl May liebte sie Kriminalromane, Biographisches und Historisches. Ihre Reisen haben sie bis nach Afrika geführt, dem Land ihrer Sehnsucht, fast wie das verlorene Paradies.

Wir verlieren mit Margit Venner eine außergewöhnliche Persönlichkeit: klar, standhaft und zugleich von großer menschlicher Wärme. Sie konnte streitbar sein, wenn es ihr um das Wesentliche ging, und blieb doch den Menschen zugewandt. Ihre Fähigkeit, auch im Schwierigen eines Menschen etwas Liebenswertes zu entdecken, hat viele von uns tief geprägt und berührt.
Margit Venner hat Brücken gebaut – zwischen Menschen, zwischen Erfahrungen, zwischen inneren und äußeren Welten. Diese Brücken bleiben.

In großer Dankbarkeit und Verbundenheit nehmen wir Abschied. Wir werden sie sehr vermissen.

Irene Misselwitz, Uwe Wutzler

Nachruf Dr. med. Karin Bell

Karin Bell gehörte zu den Frauen, die nicht den Männern das aktive Mitwirken in der Berufspolitik überlassen. Sie wurde mit ihren Aktivitäten eine starke Wirkfigur in der ärztlichen Berufspolitik, insbesondere für die ärztliche Psychotherapie. Wobei für andere, für Frauen wie Männer, sich einzusetzen, bedeutet, auch auf Privatheit zu verzichten.

Karin Bell wurde 1941 geboren, studierte nach der Schulzeit Medizin und wurde Internistin. Ihr Interesse lag aber von Anfang an bei der Psychosomatischen Medizin, die sie als Assistenzärztin bei Prof. Lohmann an der Universität Köln kennenlernte. Ich begegnete ihr erstmal bei der psychoanalytischen Weiterbildung am Institut für Psychoanalyse und Psychotherapie im Rheinland (IPR) e.V. in Köln und bei einer gruppendynamischen Weiterbildung etwa im Jahr 1973. Ich erlebte sie als hoch motivierte Psychotherapeutin und als begabte Analytikerin, die sich sehr für ihre Patienten einsetzte und sehr sozialaktiv motiviert war. Schon damals war zu merken, dass sie nicht nur eine psychoanalytisch orientierte „Hintercouchlerin“ werden wollte, sondern sich aktiv und gestaltend in Gruppen bewegen wollte. Jedoch blieb sie als niedergelassene ärztliche Psychotherapeutin (später als Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie) immer der Psychoanalyse und ihrem Institut, dem IPR, verbunden, in dem sie Dozentin und Lehranalytikerin wurde und von 1989-1995 auch Vorsitzende des IPR war.

Ihr Start in die Berufspolitik war in einer Zeit des Umbruchs. Im Herbst 1991 sprang sie für mich ein und ließ sich in den DGPT-Vorstand wählen, weil ich selbst als damaliger stellvertretender Vorsitzender der DGPT (incoming) wegen der negativen Einstellung der DPV und DGPT zum Facharzt für Psychotherapeutische Medizin nicht den Vorsitz der DGPT übernehmen wollte und mich deswegen nicht zur Wahl zum Vorsitzenden stellte. Ihr Start in die Berufspolitik ging sehr erfolgreich weiter und verband uns viele Jahrzehnte. Nach der Stellvertretung übernahm sie von 1992 bis 1995 den Vorsitz der DGPT und blieb dort nach ihrer Vorsitzendenzeit auch weiterhin als Leiterin der Sektion ärztliche Psychoanalytiker.

1993 wurde sie Mitglied in der DGPM und 1997 als Vertreterin der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte in Nachfolge von Herbert Menzel in den Vorstand, später zur stellvertretenden DGPM-Vorsitzenden gewählt. Die DGPM war von der Gründung her Krankenhaus lastig. Karin Bell hat sich mit viel Geschick, Klugheit und Vernetzungsarbeit für die neu in der Niederlassung etablierten Fachärzte für Psychotherapeutische Medizin in Zusammenarbeit mit dem Berufsverband der Fachärzte für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie Deutschlands (BPM) e.V. eingesetzt. Zeitweise war sie auch stellvertretende Vorsitzende des Berufsverbandes. Sie konzipierte gemeinsam mit anderen neue Gebührenordnungspositionen im aktualisierten EBM z. B. die psychosomatisch-medizinische Gesprächsleistung und setzte sich für Qualitätssicherungsmodelle ein. Durch ihre verbindende, aber auch konsequente Art der Verhandlung relativierten sich die Konflikte, die zwischen Fachgesellschaft und Berufsverband zeitweise bestanden.

Stellvertretende DGPM-Vorsitzende war sie bis 2004. Darüber hinaus übernahm sie die Geschäftsführung der 1997 von mir und Rolf Meermann ins Leben gerufene Ständigen Konferenz ärztlich psychotherapeutischer Verbände (STÄKO), in der damals 17 Verbände aus dem psychiatrischen- kinder- und jugendpsychiatrischen – psychosomatischen- psychotherapeutischen Versorgungsbereichen vertreten waren, kontrovers diskutierten und sich berufspolitisch bei Stellungnahmen abzustimmen versuchten. Ihr ist es in Zusammenabeit mit der Psychiaterin Adelheid Barth-Stopik zu verdanken, dass die kontroversen Diskussionen nie ausarteten, es für alle vertretbare Beschlüsse oder eben keine Beschlüsse gab. Ihr ist es schließlich auch zu verdanken, dass eine Geschäftsordnung eingeführt und ein fünfköpfiger geschäftsführender Vorstand gewählt wurde. Bis heute hat dieses Gremium eine verbindende Wirkung in den kontroversen Positionen der Fachgesellschaften und Berufsverbänden und ist ein wichtiges Beratungsgremium für die Bundesärztekammer (BÄK) geworden.

Ihr zentraler Wirkbereich wurde jedoch dann später und fast ausschließlich die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und später auch der Bundesausschuss für Ärzte und Krankenkassen. (GBA) Mit ihrer großen Kompetenz, Kontakte zu knüpfen und zu netzwerken, wurde sie Vorsitzende des Arbeitsausschusses Psychotherapie, sowie Mitglied im beratenden Fachausschuss Psychotherapie. Sie konnte damit maßgeblich die Entwicklung der Psychotherapie-Richtlinien mitgestalten und wohl auch Einfluss auf die Etablierung und Ausformulierungen des Psychotherapeutengesetzes und seiner Novellierung nehmen. Ausdruck ihrer fachlichen und organisatorischen Kompetenz ist ihre Mitwirkung im mehrbändigen Handbuch für die psychotherapeutische Praxis, ein Standardwerk für jeden psychotherapeutisch Tätigen.

Ich habe dann noch miterleben können wie sie sich – wohl auch aus Gesundheitsgründen, über die sie wenig bis kaum sprach – aus den Ämtern ins Private zurückzog und sich liebevoll ihren Enkeln widmete. Als ihre Freunde kurz vor ihrem 85zigsten Geburtstag im Februar von ihrem Tod erfuhren, waren wir sehr betroffen. Wir sind ihr sehr dankbar sowohl für ihr Engagement, das wir nicht hoch genug würdigen können, wie auch für ihre freundschaftliche und stets zugewandte Beziehung, die wir vermissen werden. Wir werden sie in guter Erinnerung behalten.

Paul L. Janssen
Gründungsvorsitzender der DGPM

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