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Ausgabe 03/2026

Ausgabe 03/2026 der Zeitschrift „Ärztliche Psychotherapie"
31.08.2026
Bundesverband

Anmoderation Ärztliche Psychotherapie 03/2026

Liebe Leserinnen und Leser,

Körperliche Symptome, die zu psychischer Belastung führen oder aus ihr resultieren, sind ein Kernthema der Psychosomatischen Medizin. Das Heft 3 der Ärztlichen Psychotherapie in diesem Jahr wendet sich wieder diesem zentralen Thema unseres Fachgebietes zu.

Mit der Einführung der ICD- 11 kommt es zu einem Paradigmenwechsel: Das Konzept der  Somatisierungsstörung wird aufgegeben. Dieser Abschied fällt allerdings nicht schwer. Aus den somatoformen Störungen wird nun die »Somatische Belastungsstörung oder Störungen der Körpererfahrung« (SBS, ICD-11: 06C20 oder im Original »Bodily Distress Disorder«) und es sieht danach aus, dass dieser Begriff von den Betroffenen besser angenommen werden kann. Die diagnostischen Kriterien beinhalten insbesondere das Vorhandensein »körperlicher Symptome, die die Person als belastend empfindet und auf die sie übermäßig viel Aufmerksamkeit lenkt«. Mit der ICD-11 verschwindet zudem die Unterteilung in zahlreiche, in der Realität häufig überlappende und wenig trennscharfe Unterkategorien – wozu auch das Wortungetüm »somatoforme autonome Funktionsstörungen« gehört. Chronische Schmerzen werden als eigenständige Entität anerkannt und bekommen ein eigenes Kapitel in der ICD-11.

Die bisherige Klassifikation der ICD-10 war noch von einem reduktionistischen, an der Kausalitätsfrage klebenden Neurose- / Psychogenie-Konzept geprägt, nach dem Motto: »Wenn es nicht körperlich ist, muss es (irgendwie) psychisch sein«. Die ICD-11 setzt positiver und integrativer an: Mit der SBS führt sie ein nachvollziehbares, am subjektiven Beschwerdeerleben orientiertes Konzept ein. Dies erhöht die Chancen auf eine effektive biopsychosoziale Behandlung.

Ziel dieses Schwerpunkts dieser ÄP-Ausgabe soll es einerseits sein, den Paradigmenwechsel, der mit der Einführung der ICD-11 erfolgt ist und seine Konsequenzen für Diagnostik und Therapie darzustellen, andererseits werden neue, neurowissenschaftlich fundierte Erklärungsmodelle der SBS vorgestellt. Dies geschieht in den beiden einleitenden Grundlagen-Beiträgen von Paul Hüsing und Bernd Löwe zum neuen Konzept der SBS sowie von Nadine Lehnen über ein neues Modell zur Erklärung und Aufrechterhaltung von funktionellen Körperbeschwerden.

Doch nicht nur bei der Theorie hat sich etwas getan – es gibt auch zahlreiche neue und vielversprechende Behandlungsansätze bei der SBS. Jonas Tesarz und Elena Gessau-Kaiser berichten über EMDR als neuen Zugangsweg zu Patient:innen mit SBS. Zielsymptome sind hierbei situativ aktivierte Krankheitsängste und katastrophisierende Vorstellungen, die sich oft einer rein kognitiven Korrektur entziehen.

Rosa Butzlaff et al. stellen die transkutane aurikuläre Vagusnervstimulation als ergänzende Behandlungsoption bei SBS vor, die über die Stimulation vagaler Afferenzen zentrale Netzwerke der Stress-, Affekt- und Schmerzregulation beeinflusst und sich niedrigschwellig in psychosomatische Behandlungskonzepte integrieren lässt.

Auch für Virtual Reality gibt es Einsatzmöglichkeiten bei der SBS. Kornelius I. Kammler-Sücker und Angela Knaf-Serian stellen hierzu ein Konzept vor, das sich bereits gut bei chronischen Schmerzsyndromen bewährt hat und sich auch auf die SBS übertragen lässt.

Einen Blick über die deutschen Grenzen hinaus auf das dänische Gesundheitssystem werfen die Autorinnen Lina Münker, Charlotte Ulrikka Rask und Karen Hansen Kallesøe. Sie beleuchten entwicklungsbezogene Aspekte funktioneller Störungen bei Kindern und Jugendlichen und heben insbesondere die zentrale Rolle familiärer und psychosozialer Faktoren in Ätiologie und klinischer Behandlung hervor.

Der Effekt von Sport- und Bewegungstherapie bei depressiven Störungen ist inzwischen empirisch gut gesichert und dem von Psychopharmaka und Psychotherapie teilweise vergleichbar. Bei den SBS gibt es hierzu noch vergleichsweise wenige Daten, obwohl ein positiver Effekt gerade wegen der Möglichkeit korrigierender Erfahrungen hinsichtlich der Belastbarkeit und Verlässlichkeit des eigenen Körpers und der Verbesserung von Körperwahrnehmung und Selbstwirksamkeit zu erwarten ist. Maria Geisler und Karl-Jürgen Bär stellen das praktische Vorgehen und mögliche Fallstricke beim Einsatz von Bewegungstherapie bei SBS dar.

Die Diagnostik und Therapie der SBS wird und soll wegen der Häufigkeit des Krankheitsbildes (etwa 10 % der Bevölkerung) in erster Linie in der Primärversorgung stattfinden. Die Psychosomatische Grundversorgung hat hier einen besonderen Stellenwert. Olaf Reddemann stellt deshalb zum Abschluss des Themenschwerpunkts Lösungsansätze hinsichtlich des Aufbaus guter praxisinterner Abstimmung und vernetzter Versorgungsmodelle dar. Er zeigt aber auch einen auf Systemebene bestehenden versorgungspolitischen Handlungsbedarf, um die Versorgungsqualität für Patient:innen mit SBS zu verbessern.

Zusätzlich zu den Schwerpunktartikeln findet sich in dieser Ausgabe noch ein spannender und grundlegender Off-Topic-Artikel von Giovanni A. Fava und Jenny Guidi zur Rolle des klinischen Urteilsvermögens in Psychiatrie und Psychosomatik. Gerade in Zeiten, wo darüber spekuliert wird, ob KI menschlichen Ärzt:innen nicht in der Diagnostik überlegen ist, bekommt dieser Begriff eine hohe Aktualität und Relevanz. Gleichzeitig ist dieser Artikel ein Abschiedsgeschenk von Giovanni Fava an unsere Zeitschrift, die er mit seiner nun letztmalig erscheinenden Kolumne »Favas Feder« über viele Jahre bereichert hat.

Abgerundet wird das Heft wie immer durch die Rubriken Rückerts Reflexionen und Perspektive Psychosomatik sowie berufspolitische Beiträge und Rezensionen, diesmal u. a. zum gemeinsamen Positionspapier von DGPPN und DGPM zum Post-COVID-Syndrom.

Die Herausgeberinnen und die Schriftleitung der ÄP zusammen mit allen Autor*innen wünschen Ihnen eine spannende Lektüre und freuen sich auf Ihre Rückmeldungen.

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