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Ausgabe 04/2025

Ausgabe 04/2025 der Zeitschrift „Ärztliche Psychotherapie"
12.11.2025
Bundesverband

Anmoderation Dr. med. Götz Berberich

Ärztliche Psychotherapie 04/2025

Liebe Leserinnen und Leser,

wenige Kontroversen in der Medizin werden in den letzten Jahren so hitzig geführt wie die Fragen um das Post-COVID-Syndrom (PCS) und insbesondere die Rolle der Psychosomatik in diesem Feld. Während einige Stimmen das PCS für eine rein psychogen ausgelöste Erkrankung halten, empfinden Andere – Betroffene wie Fachleute – schon die Erwägung psychosozialer Einflüsse als diskriminierend und gehen von einer rein somatischen Genese aus.

Die beiden Herausgeber des letzten ÄP-Heftes in diesem Jahr, Volker Köllner und Harald Gündel, haben sich in den letzten Jahren intensiv mit diesem Krankheitsbild und dessen Behandlung beschäftigt und legen nun ein Heft vor, das die wachsende Evidenz darstellt – langsam aber stetig entwickelt sich aus vielen Puzzlestücken ein biopsychosoziales Gesamtbild.

Den Reigen der Artikel eröffnet Eva Peters mit ihrem Beitrag Biopsychosoziale Erklärungsmodelle des Post-COVID –Syndroms. Aus der Grundlagenforschung in Zellkultur und in Tiermodellen wissen wir um die immunmodulatorische Wirkung von Stressoren und ihrer Botenstoffe, aus klinischen Studien aber auch um die Effekte stress-reduzierender Behandlungen auf die Immunantwort und die Psyche. Am Beispiel PCS lässt sich dank der umfassenden Forschung der letzten Jahre in einzigartiger Weise das biopsychosoziale Modell erklären.

Zusammen mit Volker Köllner beschreibt Eva Peters auch die aktuellen pharmakologischen und psychotherapeutischen Behandlungsmöglichkeiten des PCS. Hierbei wird deutlich, dass evidenzbasierte Behandlungsmöglichkeiten bisher nur im Bereich Psychotherapie und Bewegungstherapie sowie in der Verbindung von beiden zu einem multimodalen Konzept vorliegen.

Diesen letzten Aspekt der Bewegungstherapie greifen Maximilian Köppel und Kolleg*innen auf und geben einen Überblick über die hier bereits vorliegende Evidenz. Sie beschreiben die praktische Durchführung in einem psychosomatischen Setting und betonen dabei, dass Sport- und Bewegungstherapie beim PCS dann effektiv und sicher ist, wenn auf die individuell schwankende Belastbarkeit der Betroffenen eingegangen wird.

Lisa Wedekind und Kolleg*innen wählen in ihrem Beitrag über Erwartungsfokussierte Psychotherapie beim PCS ein anderes, für die Psychotherapie bedeutsames Verständniskonzept für viele Psychosomatische Störungen, nämlich das der Erwartungsverletzung. Die Ulmer Autorengruppe stellt hierauf aufbauend ein interessantes Modell zur Behandlung vor.

Zwei Beiträge beschreiben die besonderen Herausforderungen der Versorgung von PCS-Patient*innen: Luzie Fritzsche et al. beschreiben ein interdisziplinäres PCS-Konzept in der Fatigue-Ambulanz am Universitätsklinikum Ulm unter Koordination der Allgemeinmedizin mit Integration der Fachbereiche Neurologie, Psychosomatische Medizin sowie Sport- und Rehabilitationsmedizin.

Ein Therapieangebot für schwerst betroffene, häufig jahrelang pflegebedürftige Post-COVID-Patient:innen in der Psychosomatischen Abteilung Donaustauf stellen Rita Haberger und Kolleg*innen vor. Es kombiniert erweiterte Grundpflege, Abstand vom belastenden Umfeld, gezielte Physiotherapie, kognitives Training, biofeedbackgestützte ärztliche Therapie, emotionale Unterstützung und Psychotherapie und kann beachtliche Erfolge vorzeigen.

Kognitive Beeinträchtigungen wurden beim Post-COVID-Syndrom erst sehr spät ernst genommen und als eigenständiges Problem erkannt. Dies ist auch den Forschungsergebnissen der Erlanger Arbeitsgruppe zu verdanken, die von Evelyne Hanc und Kolleginnen vorgestellt werden.

Jasmin Haenel und Kollegen stellen in ihrem Beitrag »Selbsthilfe bei Long COVID: Wissen, Nutzen und Potenziale für die ärztliche Praxis« dar, wie viele unterschiedliche Initiativen es im Bereich der Post-COVID-Selbsthilfe bereits gibt und wie Selbsthilfe und professionelle Versorgung voneinander profitieren können.

Eine besonders wertvolle Rolle als Vermittlerin spielt hierbei die Bundesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe (BAG). Im an den Schwerpunkt anschließenden Teil Politik und Praxis berichtet ein schwer betroffener Patient im Interview mit Tobias März, wie ihm die Therapie in Donaustauf geholfen hat, wieder eine Perspektive zu finden.

Schließlich kommen noch einmal die Herausgeber Harald Gündel und Volker Köllner zu Wort und setzen sich mit der der Beantragung einer Schwerbehinderung und der manchmal sehr restriktiven Einschätzung durch die Versorgungsämter auseinander. Bei der Begutachtung von Krankheitsbildern, bei denen es keine Nachweise durch Bildgebung oder Labor gibt, kann die Psychosomatik eine besondere Expertise einbringen.

In den Rubriken finden Sie diesmal ein interessantes Positionspapier zur Entwicklung eines Curriculums für eine fachspezifische Weiterbildung »Pflege in der Psychosomatischen Medizin und Psychotherapie« der Sektion Psychosomatische FachPflege (SePP), einem Gremium aus Vertretern des Verbands psychosomatisch Pflegender in Deutschland e. V. (PsoPD) und der Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie (DGPM). Die Entwicklung, Verbreitung und wissenschaftliche Absicherung der Psychosomatischen Fachpflege ist ein wichtiges Anliegen der Verbände.

Außerdem lesen Sie Beiträge von Giovanni Andrea Fava über die medikamentöse Behandlung der Depression, aber auch seine Begegnungen mit Wulf Bertram, von Kamiar K. Rückert über Gemeinschaft und schließlich von Rosa Butzlaff über die medizinische Promotion in der Psychosomatischen Medizin und Psychotherapie.

In den Buchrezensionen stellt Caroline Rometsch das Buch „Wie dein inneres Team tickt. Innere Anteile verstehen, Ressourcen aktivieren, Konflikte lösen“ von Dagmar Kumbier vor. Ein problematisches Gefühl greift Inge Seiffge-Krenke in Ihrem Buch „Neid“ auf, über das Markus Glass berichtet. Wie immer runden die ausführlichen Verbandsnachrichten von BPM, DGPM und VPK das Heft ab.

In der nächsten ÄP-Ausgabe 1/2026 wenden sich die Heftherausgeber Irmgard Pfaffinger und Götz Berberich dem therapeutischen Prozess zu. Im Fokus stehen psychodynamische Fallvignetten, vergleichende Studien zu Kurz- und Langzeittherapie, grundsätzliche Überlegungen zur Prozessforschung sowie praxisnahe Analysen aus systemischer und verhaltenstherapeutischer Perspektive. Das Heft soll einen Beitrag zur Vertiefung unseres Verständnisses wirksamer Psychotherapie darstellen.

Die Herausgeberinnen und die Schriftleitung der ÄP zusammen mit allen Autor*innen wünschen Ihnen eine spannende Lektüre und freuen sich auf Ihre Rückmeldungen.

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