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Nachruf Dr. Margit Julia Venner

08.04.2026
Bundesverband
Irene Misselwitz, Uwe Wutzler

Mit großer Trauer und tiefer Dankbarkeit nehmen wir Abschied von Frau Dr. Margit Julia Venner,
die am 10. März 2026 im 89. Lebensjahr verstorben ist.
Ihr Lieblingsspruch, der ihr Wesen und ihr Lebenswerk auf besondere Weise einfängt, lautete:

Brücken machen Abgründe begehbar,
Brücken wachsen nicht, sie müssen gebaut werden,
dazu braucht es Menschen.

Margit Venner war eine solche Brückenbauerin.
Sie gehörte der Generation der Kriegskinder an. 1937 in Osterode in Ostpreußen als Älteste von
zwei Kaufmannstöchtern geboren, 1944 dramatische Flucht mit Mutter, Großmutter und der kleinen
Schwester nach Dresden, das gerade völlig zerstört worden war. 1946 Verhaftung des kurz vorher
aus dem Krieg heimgekehrten Vaters, auf offener Straße – auf Nimmerwiedersehen und ohne je eine
verlässliche Nachricht. Sie hat viel Unsicherheit und Bedrohung in ihrer Kindheit erlebt und die
Brücken zu vertrauten Menschen waren das einzig Verlässliche.
Ihr Wunsch, Ärztin zu werden, entstand früh und blieb unbeirrbar. Trotz politischer
Schwierigkeiten wegen ihrer Zugehörigkeit zur Jungen Gemeinde erreichte sie das Abitur und ging
ihren Weg mit großer Entschlossenheit. In den ersten Jahren nach dem Studium in der Oberlausitz
in Herrenhut lernte sie ein breites Spektrum ärztlicher Tätigkeit kennen: Schwangerenberatung,
Geburten, Schuluntersuchungen, Warzen besprechen, EKGs auswerten, Platzwunden nähen,
Achillessehnen flicken, Gewehrkugeln entfernen – es gibt viele atemberaubende Geschichten.
Die frisch gebackene Ärztin stellte jedoch bald fest, dass die medizinischen Kenntnisse bei vielen
PatientInnen nichts nützten. Besonders die Geschichte einer jungen Frau, deren Leiden sich nicht
allein körperlich erklären ließ, wurde für sie zu einem Wendepunkt: Sie begann zu begreifen, dass
man den Menschen in seiner Lebenssituation verstehen muss, nicht nur die körperlichen Symptome.
Ihr damaliger Chef erkannte, dass diese sonderbare Kollegin Antworten brauchte, die er nicht geben
konnte und schickte sie zu seinem ähnlich sonderbaren Studienkollegen, Gerhard Klumbies, nach
Jena. Dieser hatte 1951 mit Hellmuth Kleinsorge die Psychotherapie-Abteilung der Medizinischen
Poliklinik eröffnet, eine der ersten in der DDR.
So kam sie 1965 als Ausbildungsassistentin nach Jena an die Medizinische Poliklinik – „eine
glückliche Fügung“, wie sie oft sagte. Hier fand sie in der Psychotherapie ihre eigentliche
berufliche Heimat. Über viele Jahre hinweg prägte sie die Abteilung entscheidend, seit 1985 als
deren Leiterin bis zu ihrer Pensionierung.

Margit Venners Anliegen war es auch hier, Brücken zu bauen zwischen den Fachgebieten Innere
Medizin und Psychotherapie. Die Abteilung für Internistische Psychotherapie war ab 1984 fester
Bestandteil der Klinik für Gastroenterologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena, auch wenn
immer wieder Missverständnisse und Schwierigkeiten auf Grund der unterschiedlichen Denkweisen
und Behandlungskonzepte auftraten.
Mit der Maueröffnung wurde auch der Brückenschlag von Ost nach West und von West nach Ost
möglich. Sie, die schon früh erfahren hatte, dass 1000-jährige Reiche zusammenbrechen, ließ sich
durch den Zusammenbruch der DDR nicht einschüchtern.
Schon seit 1987 gab es Kontakte zu AnalytikerInnen in Heidelberg, die nach 1989 intensiviert
wurden. Margit Venner ist viel gereist und hat sich für Psychotherapie-Situation im anderen Teil
Deutschlands interessiert. Dabei bemerkte sie schnell, dass überall „mit Wasser gekocht“ wird. Sie
hat seit 1990 viele Vorträge und Workshops in den alten Bundesländern über die im Osten
gewachsene Psychotherapie und Psychosomatik gehalten, sich mutig Auseinandersetzungen gestellt
und damit viel für das gegenseitige Kennen- und Verstehen-lernen zwischen Ost und West
beigetragen. Ihre klare, sichere, kritische Haltung, verbunden mit innerer Unabhängigkeit, machte
sie für viele zu einer wichtigen Orientierung in diesen bewegten Zeiten. Sie wurde rasch in mehrere
Fachgesellschaften, wie das „Deutsche Kollegium für Psychosomatische Medizin“ (DKPM)
aufgenommen und in den Vorstand gewählt.
Als Gründungsmitglied des psychoanalytischen Instituts in Jena hat sie dessen Entwicklung
entscheidend mitgestaltet und maßgeblich dazu beigetragen, dass das Institut Anschluss an die
Deutsche Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie
(DGPT) fand. Über viele Jahre hinweg engagierte sie sich in verantwortlicher Position für die Lehre
und für die berufspolitische Verankerung des Instituts.
Margit Venner war eine leidenschaftliche Lehrerin und sehr engagiert in der Aus-, Weiter- und
Fortbildung von MedizinstudentInnen, von ÄrztInnen und PsychologInnen. Sie verstand es
meisterhaft, psychogenetische Zusammenhänge in verständlicher Sprache zu vermitteln und mit
interessanten Beispielen aus ihrem reichen klinischen Erfahrungsschatz zu veranschaulichen. Sie
hat viele ÄrztInnen aller Fachgebiete in unzähligen Kursen und Balintgruppen für die
psychosomatische Denkweise in der Medizin gewonnen.
Ihr berufliches Wirken ist zugleich eng mit der Entwicklung und Umsetzung gruppenanalytischer
Konzepte verbunden. Sie adaptierte die in der DDR entwickelten gruppentherapeutischen
Behandlungsansätze für Patientinnen und Patienten mit schweren psychosomatischen und
somatischen Erkrankungen sowie für Menschen mit Essstörungen und hat hierzu publiziert.

In den letzten klinischen Jahren widmete sie sich insbesondere der psychosomatischen Evaluation im
Kontext der Lebendorganspende und war auch hier durch Vorträge und Veröffentlichungen präsent.
Ihre umfangreiche gruppentherapeutische Erfahrung brachte sie in die Selbsterfahrungsgruppen ein,
die sie über viele Jahrzehnte leitete. Dabei begleitete sie einzelne Gruppen oft über mehrere Jahre
hinweg – nicht orientiert an formalen Vorgaben, sondern an den Entwicklungsbedürfnissen der
jeweiligen Gruppenmitglieder. Ihre Gruppenleitung war geprägt von Respekt, Verlässlichkeit und
einem tiefen Vertrauen in die Entwicklungsmöglichkeiten eines Menschen durch die Erfahrung
einer tragfähigen Gruppe.
Neben all dem war sie ein zutiefst familienverbundener Mensch. Mit Wärme und Humor sprach sie
oft von ihrem Ehemann, Prof. Harry Venner, der leider viel zu früh verstorben war. Sie liebte ihre
Kinder, Enkel und Urenkel und lebte bis zum Schluss wohlgeborgen im großen Familienhaus,
behütet und versorgt von ihrer Tochter und der Familie einer Enkelin.
Sie war auch eine leidenschaftliche Leserin. Außer Karl May liebte sie Kriminalromane,
Biographisches und Historisches. Ihre Reisen haben sie bis nach Afrika geführt, dem Land ihrer
Sehnsucht, fast wie das verlorene Paradies.
Wir verlieren mit Margit Venner eine außergewöhnliche Persönlichkeit: klar, standhaft und
zugleich von großer menschlicher Wärme. Sie konnte streitbar sein, wenn es ihr um das
Wesentliche ging, und blieb doch den Menschen zugewandt. Ihre Fähigkeit, auch im Schwierigen
eines Menschen etwas Liebenswertes zu entdecken, hat viele von uns tief geprägt und berührt.
Margit Venner hat Brücken gebaut – zwischen Menschen, zwischen Erfahrungen, zwischen inneren
und äußeren Welten. Diese Brücken bleiben.
In großer Dankbarkeit und Verbundenheit nehmen wir Abschied. Wir werden sie sehr vermissen.

Irene Misselwitz, Uwe Wutzler