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Nachruf für Dr. med. Karin Bell

27.02.2026
Bundesverband
Paul L. Janssen

Karin Bell gehörte zu den Frauen, die nicht den Männern das aktive Mitwirken in der Berufspolitik überlassen. Sie wurde mit ihren Aktivitäten eine starke Wirkfigur in der ärztlichen Berufspolitik, insbesondere für die ärztliche Psychotherapie. Wobei für andere, für Frauen wie Männer, sich einzusetzen, bedeutet, auch auf Privatheit zu verzichten.

Karin Bell wurde 1941 geboren, studierte nach der Schulzeit Medizin und wurde Internistin. Ihr Interesse lag aber von Anfang an bei der Psychosomatischen Medizin, die sie als Assistenzärztin bei Prof. Lohmann an der Universität Köln kennenlernte. Ich begegnete ihr erstmal bei der psychoanalytischen Weiterbildung am Institut für Psychoanalyse und Psychotherapie im Rheinland (IPR) e.V. in Köln und bei einer gruppendynamischen Weiterbildung etwa im Jahr 1973. Ich erlebte sie als hoch motivierte Psychotherapeutin und als begabte Analytikerin, die sich sehr für ihre Patienten einsetzte und sehr sozialaktiv motiviert war. Schon damals war zu merken, dass sie nicht nur eine psychoanalytisch orientierte „Hintercouchlerin“ werden wollte, sondern sich aktiv und gestaltend in Gruppen bewegen wollte. Jedoch blieb sie als niedergelassene ärztliche Psychotherapeutin (später als Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie) immer der Psychoanalyse und ihrem Institut, dem IPR, verbunden, in dem sie Dozentin und Lehranalytikerin wurde und von 1989-1995 auch Vorsitzende des IPR war.

Ihr Start in die Berufspolitik war in einer Zeit des Umbruchs. Im Herbst 1991 sprang sie für mich ein und ließ sich in den DGPT-Vorstand wählen, weil ich selbst als damaliger stellvertretender Vorsitzender der DGPT (incoming) wegen der negativen Einstellung der DPV und DGPT zum Facharzt für Psychotherapeutische Medizin nicht den Vorsitz der DGPT übernehmen wollte und mich deswegen nicht zur Wahl zum Vorsitzenden stellte. Ihr Start in die Berufspolitik ging sehr erfolgreich weiter und verband uns viele Jahrzehnte. Nach der Stellvertretung übernahm sie von 1992 bis 1995 den Vorsitz der DGPT und blieb dort nach ihrer Vorsitzendenzeit auch weiterhin als Leiterin der Sektion ärztliche Psychoanalytiker.

1993 wurde sie Mitglied in der DGPM und 1997 als Vertreterin der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte in Nachfolge von Herbert Menzel in den Vorstand, später zur stellvertretenden DGPM-Vorsitzenden gewählt. Die DGPM war von der Gründung her Krankenhaus lastig. Karin Bell hat sich mit viel Geschick, Klugheit und Vernetzungsarbeit für die neu in der Niederlassung etablierten Fachärzte für Psychotherapeutische Medizin in Zusammenarbeit mit dem Berufsverband der Fachärzte für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie Deutschlands (BPM) e.V. eingesetzt. Zeitweise war sie auch stellvertretende Vorsitzende des Berufsverbandes. Sie konzipierte gemeinsam mit anderen neue Gebührenordnungspositionen im aktualisierten EBM z. B. die psychosomatisch-medizinische Gesprächsleistung und setzte sich für Qualitätssicherungsmodelle ein. Durch ihre verbindende, aber auch konsequente Art der Verhandlung relativierten sich die Konflikte, die zwischen Fachgesellschaft und Berufsverband zeitweise bestanden.

Stellvertretende DGPM-Vorsitzende war sie bis 2004. Darüber hinaus übernahm sie die Geschäftsführung der 1997 von mir und Rolf Meermann ins Leben gerufene Ständigen Konferenz ärztlich psychotherapeutischer Verbände (STÄKO), in der damals 17 Verbände aus dem psychiatrischen- kinder- und jugendpsychiatrischen – psychosomatischen- psychotherapeutischen Versorgungsbereichen vertreten waren, kontrovers diskutierten und sich berufspolitisch bei Stellungnahmen abzustimmen versuchten. Ihr ist es in Zusammenabeit mit der Psychiaterin Adelheid Barth-Stopik zu verdanken, dass die kontroversen Diskussionen nie ausarteten, es für alle vertretbare Beschlüsse oder eben keine Beschlüsse gab. Ihr ist es schließlich auch zu verdanken, dass eine Geschäftsordnung eingeführt und ein fünfköpfiger geschäftsführender Vorstand gewählt wurde. Bis heute hat dieses Gremium eine verbindende Wirkung in den kontroversen Positionen der Fachgesellschaften und Berufsverbänden und ist ein wichtiges Beratungsgremium für die Bundesärztekammer (BÄK) geworden.

Ihr zentraler Wirkbereich wurde jedoch dann später und fast ausschließlich die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und später auch der Bundesausschuss für Ärzte und Krankenkassen. (GBA) Mit ihrer großen Kompetenz, Kontakte zu knüpfen und zu netzwerken, wurde sie Vorsitzende des Arbeitsausschusses Psychotherapie, sowie Mitglied im beratenden Fachausschuss Psychotherapie. Sie konnte damit maßgeblich die Entwicklung der Psychotherapie-Richtlinien mitgestalten und wohl auch Einfluss auf die Etablierung und Ausformulierungen des Psychotherapeutengesetzes und seiner Novellierung nehmen. Ausdruck ihrer fachlichen und organisatorischen Kompetenz ist ihre Mitwirkung im mehrbändigen Handbuch für die psychotherapeutische Praxis, ein Standardwerk für jeden psychotherapeutisch Tätigen.

Ich habe dann noch miterleben können wie sie sich – wohl auch aus Gesundheitsgründen, über die sie wenig bis kaum sprach – aus den Ämtern ins Private zurückzog und sich liebevoll ihren Enkeln widmete. Als ihre Freunde kurz vor ihrem 85zigsten Geburtstag im Februar von ihrem Tod erfuhren, waren wir sehr betroffen. Wir sind ihr sehr dankbar sowohl für ihr Engagement, das wir nicht hoch genug würdigen können, wie auch für ihre freundschaftliche und stets zugewandte Beziehung, die wir vermissen werden. Wir werden sie in guter Erinnerung behalten.

Paul L. Janssen
Gründungsvorsitzender der DGPM