Zeitschrift für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie 2025 Jg. 71, Heft 3
Editorial
Psychodynamik, Struktur und Beziehungsraum:
Zur Relevanz innerpsychischer Modelle für Diagnostik und
Intervention
Claas Lahmann
Wenn wir im klinischen Alltag Patient:innen begegnen, treffen wir auf beeinträchtigende
Beschwerden oder Phänomene, die oft nicht auf den ersten Blick zugänglich
sind. Sie zeigen sich in wiederkehrenden Mustern, in nicht erklärbaren Körpersymptomen,
in affektiven Reaktionen, in diffusen Ängsten oder einem brüchigen Selbstbezug.
Hier beginnt das Feld der psychodynamischen Diagnostik: nicht als Alternative
zur kategorialen Diagnostik, sondern als deren notwendige Ergänzung, um biografisch
gewachsene, innerpsychische Strukturen und Beziehungsmuster zu verstehen
– und im besten Fall therapeutisch zu verändern.
Das vorliegende Heft versammelt Beiträge, die aus unterschiedlichen Perspektiven
die Bedeutung psychodynamischer Modelle und Konzepte für die psychosomatische
Medizin und Psychotherapie reflektieren und empirisch untersuchen. Dabei
rückt insbesondere die Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik (OPD-3)
in den Mittelpunkt. Die Beiträge zeigen, dass die OPD ein konzeptueller Denkrahmen
ist, der es erlaubt, die Komplexität psychischen Erlebens systematisch zu erfassen:
nicht nur bei neurotischen, sondern auch bei schweren psychischen Störungen;
nicht nur intrapsychisch, sondern auch im intergenerationalen Kontext; nicht nur
im Kontext der Diagnostik, sondern auch der psychotherapeutischen Intervention.
Der erste Beitrag von Eva M. Klein und Kolleg:innen widmet sich dem Körpererleben
im Kontext von Essstörungen – einem Thema, das in der psychosomatischen
Tradition stets eine zentrale Rolle spielt. Basierend auf einer repräsentativen Stichprobe
von über 2.500 Personen untersuchen die Autor:innen, inwieweit strukturelle
Beeinträchtigungen der Persönlichkeitsfunktion das Zusammenspiel von Körpererleben
und Symptombildung moderieren. Die Ergebnisse sind eindeutig: Personen
mit niedrigem Strukturniveau und gleichzeitig negativem Körperbild berichten signifikant
häufiger essstörungsspezifische Symptome. Besonders bemerkenswert ist,
dass die strukturelle Dimension hier nicht nur als Begleitphänomen, sondern als potenzierender
Faktor erscheint – ein wichtiger Hinweis für Diagnostik und Prävention,
gerade im subklinischen Bereich.
Eine methodisch wie konzeptuell höchst relevante Erweiterung der psychodynamischen
Diagnostik stellt der Beitrag von Valentin Lackmann dar. Der Autor untersucht,
inwieweit die OPD-3 auch bei Patient:innen mit affektiven oder schizophrenen
Psychosen zuverlässig und sinnvoll anwendbar ist. Die Ergebnisse seiner differenzierten
Interrater-Reliabilitätsstudie sind ermutigend: Die OPD-3 erweist sich
auch in dieser Patient:innengruppe als machbar und reliabel, wenngleich in der Anwendung
spezifische Herausforderungen – etwa in der Beziehungsebene (OPDIRA)
oder im Umgang mit psychotischen Dilemmata – zu beachten sind. Besonders
bemerkenswert ist, dass die Studie nicht nur Reliabilitätsdaten liefert, sondern auch
inhaltlich reflektiert, wie etwa die strukturelle Diagnostik bei psychotischen Zuständen
durch temporäre Schwankungen beeinflusst wird – und wie das OPD-3-System
differenziert darauf reagiert.
Einen gänzlich anderen – und besonders klinisch relevanten – Kontext adressiert
der Beitrag von Yanyan Liao und Kolleg:innen: die psychologische Begleitung von
Patientinnen mit triple-negativem Mammakarzinom. In einer kontrollierten Interventionsstudie
vergleichen die Autor:innen eine Kombination aus Rational-Emotiver
Therapie und Achtsamkeitsatmung mit einer standardisierten psychologischen
Routineversorgung. Die Ergebnisse zeigen signifikante Verbesserungen in der emotionalen
Befindlichkeit, der Lebensqualität und der kognitiven Emotionsregulation
– und geben damit wichtige Hinweise darauf, wie integrative Interventionen auch
im psychoonkologischen Setting wirksam werden können. Der psychodynamische
Bezug liegt hier weniger in der verwendeten Terminologie, sondern vielmehr in der
Haltung: Es geht um das Verstehen irrationaler Überzeugungen, um Selbstzuwendung
in Krisensituationen, um Beziehungsgestaltung im Angesicht einer existenziellen
Bedrohung.
Wieder stärker in den Fokus psychodynamischer Theoriebildung und Diagnostik
rückt der Beitrag von Aslı Akın, Lea Sarrar und Kolleg:innen, der die intergenerationale
Weitergabe psychodynamischer Konflikte zwischen Jugendlichen mit psychischen
Belastungen und ihren Eltern untersucht. Die Studie, basierend auf einer großen
Stichprobe, weist nach, dass spezifische Konfliktkonstellationen – etwa passive
Identitätskonflikte bei Töchtern und väterliche Konfliktmuster – signifikant zusammenhängen.
Ebenso zeigt sich ein Zusammenhang zwischen mütterlichen ödipalen
Konflikten und entsprechenden aktiven Konfliktmustern bei Söhnen.
Den Abschluss des Hefts bildet ein konzeptuell orientierter Beitrag von Doris
Hoffmann-Lamplmair, der das Potenzial der OPD-3 für die Gruppenpsychotherapie
untersucht. Ausgehend von der revidierten Beziehungsachse (OPD-IRA) diskutiert
die Autorin, inwiefern psychodynamische Diagnostik dabei helfen kann, interaktionelle
Prozesse in Gruppen besser zu verstehen – und wie sich dieses Wissen in die
Gestaltung von gruppentherapeutischen Settings integrieren lässt. Der Beitrag ist ein
Plädoyer für die klinische Nutzbarmachung theoretischer Konzepte – und damit ein
schönes Beispiel für die Anwendungsnähe psychodynamischer Diagnostik.
Was alle Beiträge dieser Ausgabe verbindet, ist das Bemühen, das Unsichtbare
sichtbar zu machen: die feinen Linien innerpsychischer Struktur, die über Symptome
und Verhaltensweisen hinausreichen; die Dynamik unbewusster Konflikte und
Beziehungserwartungen; die Kontextualisierung subjektiver Erfahrungen im Beziehungsraum,
in der Biografie und – nicht zuletzt – in der therapeutischen Beziehung.
Ich wünsche Ihnen eine erkenntnisreiche und anregende Lektüre.
Ihr Claas Lahmann
Literatur
Akın, A., Reichel, P.-M., Weber, E. C., Kluge, G., Klapproth, F., Benecke, C., Seiffge-Krenke,
I., Sarrar, L. (2025). Psychodynamische Konflikte im intergenerationalen Kontext: Eine Pilotstudie
bei Adoleszenten mit psychischen Belastungen und ihren Eltern. Z Psychosom
Med Psychother 71/2025, 257–271.
Liao, Y., Wu, M., Pan, J., Xie, L., Wang, L. (2025). Application and Effect of Rational-emotive
Therapy Combined with Mindfulness Breathing in Psychological Intervention of Triplenegative
Breast Cancer Patients. Z Psychosom Med Psychother 71/2025, 241–256.
Hoffmann-Lamplmair, D., Schober, S., Blüml, V. (2025). The ICD-11 Model of Personality
Disorders and its Diagnostic Measures: A Systematic Review. Z Psychosom Med Psychother
71/2025, 272–292.
Klein, E. M., Zeeck, A., Brähler, E., Hilbert, A., Strauß, B., Kruse, J., Krakau, L. (2025). Körpererleben
und Essstörungspsychopathologie: Die Rolle struktureller Beeinträchtigungen
in einer repräsentativen Bevölkerungsstichprobe. Z Psychosom Med Psychother 71/2025,
212–224.
Lackmann, V. (2025). Operationalized Psychodynamic Diagnosis (OPD-3) for Patients with
Psychosis: Feasibility and Differential Reliability. Z Psychosom Med Psychother 71/2025,
225–240.
Claas Lahmann, Klinik der Psychosomatischen Medizin und Psychotherapie, Universitätsklinikum
Freiburg