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Zeitschrift für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie 2025 Jg. 71, Heft 4

Psychosoziale Belastung, Konflikt und Therapieindikation
16.12.2025
Bundesverband
Claas Lahmann

Editorial

Psychosoziale Belastung, Konflikt und Therapieindikation

Stephan Doering

Das vorliegende Heft bietet einmal mehr ein breites Spektrum an Themen von Indikation
und Empfehlung psychodynamischer Therapien über Konfliktdiagnostik bis
hin zu epidemiologischen Fragen bei jungen Erwachsenen.
Die ersten beiden Beiträge (Cholibois et al., 2025a, b) berichten die Ergebnisse aus einer
qualitativen Studie anhand von Interviews mit 14 erfahrenen psychoanalytischen
Psychotherapeut:innen. Es zeigte sich, dass insbesondere Therapiedauer, AP vs. TP,
Stundenfrequenz sowie sitzendes vs. liegendes Setting als indikationsrelevant angesehen
wurden. Für die Therapieintensität und Dauer werden die Komplexität der Problematik,
die Klarheit der Therapieziele und die privaten Lebensumstände der Patient:innen herangezogen.
AP und höhere Stundenfrequenz werden zudem besonders bei niedrigem
Strukturniveau indiziert. Das liegende Setting wird bei höherem Strukturniveau mit besserer
Selbstregulation und spezifischen Problemstellungen (Scham- oder Selbstwertthemen)
empfohlen. Im zweiten Teil ihrer Arbeit wenden Cholibois et al. die Grounded
Theory an, um, basierend auf den Ergebnissen des ersten Teils, ein Indikationsmodell für
die psychoanalytisch/psychodynamischen Verfahren zu entwickeln. Das Modell wird in
einem komplexen Schaubild eindrucksvoll veranschaulicht, das neben Patienten- und
Therapeutenvariablen auch Beziehungsdynamik und Prozessmerkmale beinhaltet.
Ein illustres Autor:innenkonsortium aus Europa und den USA unter der Führung
von Falk Leichsenring setzt sich mit der neuen WHO-Behandlungsrichtlinie für
psychische Störungen auseinander. Die Autor:innen bemängeln, dass die WHO nahezu
ausschließlich behaviorale Verfahren empfiehlt und psychodynamische Verfahren
weitgehend unerwähnt lässt. Ihre Position belegen sie mit einer Vielzahl von
empirischen Arbeiten (Leichsenring et al., 2025).
Nach dem populären OPD-Strukturfragebogen wurde vom Arbeitskreis OPD bereits
vor einigen Jahren auch ein Konfliktfragebogen mit 66 Items entwickelt und
validiert (Benecke et al., 2018). In diesem Jahr wurde eine Kurzform mit 36 Items in
einer ersten Validierungsstudie vorgestellt (Volz et al., 2025a). In diesem Heft findet
sich eine weitere Studie, die anhand einer repräsentativen Bevölkerungsstichprobe
von n = 2.189 und einem großen klinischen Sample (n = 4.767) eine Normierung
des Fragebogens vornimmt (Volz et al., 2025b). Das somit sehr solide validierte Instrument
bietet sich für eine orientierende Konfliktdiagnostik nach OPD für den
Einsatz in Klinik und Forschung an.
Bei der letzten Arbeit in diesem Heft (Seiffge-Krenke u. Lübke, 2025) handelt es
sich um eine großangelegte Onlinebefragung von 3.267 jungen Erwachsenen hinsichtlich
ihrer Lebenssituation mit einem besonderen Fokus auf berufliche, partnerschaftliche
und familiäre Dimensionen. Unter anderem zeigen die Ergebnisse, dass
berufliche Belastungen von jungen Erwachsenen belastender erlebt werden als partnerschaftliche.
Erwartungsgemäß korrelieren diese Belastungen mit Depressivität.
Frauen zeigen dabei mehr internalisierende Symptome und Körperbeschwerden.
In der Gesamtschau vermittelt dieses Heft, wie der Blick auf psychosoziale Belastungen
und Beschwerden sowie die differentielle Therapieindikation immer komplexere
Bedingungsgefüge beleuchtet. Zunehmend präziser können psychosoziale
Variablen und Psychopathologie erfasst und zu einer empirisch begründeten Indikationsstellung
herangezogen werden. Diese Befunde regen eine Reflexion unser aller
Handelns an: Welche Informationen liefern unsere eigenen diagnostischen Gespräche
und welche Kriterien ziehen wir selbst für Indikationsentscheidungen heran?

Literatur
Benecke, C., Henkel, M., Doering, S., Jakobsen, T., Stasch, M., Dahlbender, R., Alhabbo, S., Zimmermann,
J. (2018). Der OPD-Konfliktfragebogen. Z Psychosom Med Psychother 64, 380-393.

Cholibois, S., Benecke, C., Henkel, M. (2025a). Indikationskriterien in psychoanalytisch begründeten
Psychotherapien Teil 1: Eine qualitative Analyse. Z Psychosom Med Psychother 71, 299-313.

Cholibois, S., Benecke, C., Henkel, M. (2025b). Indikationskriterien in psychoanalytisch begründeten
Psychotherapien Teil 2: Grounded-Theory-Modsell und klinische Anwendung
von Indikationskriterien. Z Psychosom Med Psychother 71, 314-327.

Leichsenring, F., Abbass, A., Fonagy, P., Levy, K., Liliengren, P., Luyten, P., Midgley, N., Milrod,
B. (2025). Psychodynamic therapy can be adapted to and implemented in non-western
cultures – a comment on the WHO treatment guideline for mental disorders. Z Psychosom
Med Psychother 71, 328-334.

Seiffge-Krenke, I., Lübke, L. (2025). „Emerging adults“ in Deutschland: Differentielle Unterschiede
in Bezug auf Identität, Beruf und Partnerschaft und deren Zusammenhänge mit
internalisierenden Symptomen. Z Psychosom Med Psychother 71, 354-383.

Volz, M., Henkel, M., Cropp, C., Spitzer, C., QVA-Arbeitsgruppe, Benecke, C. (2025a). Entwicklung
und Validierung einer Kurzversion des OPD-Konfliktfragebogens (OPD-KF36).
Z Psychosom Med Psychother 71, 140-157.

Volz, M., Henkel, M., Schmitt, J., Spitzer, C., QVA-Arbeitsgruppe, Benecke, C. (2025b). Normierung
der Kurzversion des OPD-Konfliktfragebogens (OPD-KF36) anhand einer klinischen
und repräsentativen Stichprobe. Z Psychosom Med Psychother 71, 335-353.

Stephan Doering, Klinik für Psychoanalyse und Psychotherapie,
Medizinische Universität Wien